Mein erstes Urwald-Abenteuer

Mexiko 1985.
Teil 2.) „El Gringo, und der Flug in den Urwald“.
Reges treiben beherrschte das Strassenbild, als ich schläfrig und schwach und vollgepumpt mit Kohletabletten das Hotel verliess und zum Stadtrand schlenderte, wo der Flugplatz lag. Es war sonnig, nur am südlichen Horizont waren Schönwetterwolken zu sehen. Ein alter Mann, mit Hut und einem Stock in der Hand, begegnete mir. Schwer trug er ein Plastiksack auf dem Rücken. Er blieb stehen und rief mir nach, „Hola Gringo boracho“!(Hallo betrunkener Fremder). Ja, durch das Fieber und den enormen Wasserverlust, den mir die „Rache Moctezumas“ bescherte, war ich ganz schön wacklig auf den Beinen. Ich beachtete ihn nicht, lief einfach weiter und war froh, als ich nach einer halben Stunde den Flugplatz erreichte.
Dieser Provinz-Flugplatz entsprach meinen Vorstellungen eines abenteuerlichen Unternehmens. Eine kurze Asphaltpiste mit Schotter umgrenzt. Ein Gebäude aus Steinen, mit einem Dach aus Wellblech. Und ein Hallen-Anbau aus Wellblech mit provisorischen Fenstern. Das Hallentor stand offen und ich sah, in ungeordneterweise, drei Einmotorige Propellerflugzeuge stehen. Neben dem Hallentor lagen verrostete Propeller herum und ein Mann, in einem blauen Overall, beugte sich über einen ölverschmierten Motor. Auf seinem Rücken stand die Aufschrift „Aero Chiapas“.
„Caramba“! fluchte er, lies ein Schraubenschlüssel fallen und putzte seine blutenden und ölverschmierten Finger an einem Wollkneuel ab. Mit einem zornigen „Buenos Dias“! huschte er an mir vorbei und verschwand in der Halle.
Ich ging zu einer Tür an der ein Pappschild hing mit der Aufschrift „Administración“. Ich klopfte Einmal, Zweimal, Dreimal, keine Antwort. Ich wartete noch ein weilchen und klopfte ein Viertes mal an die Tür und öffnete sie, und da stand auch schon der blaue Overall hinter mir, mit einem etwas freundlicheren Gesicht. Seine Finger bluteten noch.
Buenos Días Señor! Sagte ich.
Er reichte mir seine Hand und sagte noch einmal, in einem freundlicheren Ton, „Buenos Dias“!
Ich zeigte ihm mein Flugticket und da meinte er,
„Es ist noch etwas Zeit“.
Aber der Flug ist für Acht Uhr angesetzt, sagte ich!
Ja ja! Raunte er, der Pilot wird gleich kommen!
Und in seiner deutlichen Aussprache, die ich sehr gut verstand, sagte er noch:
„Falta tres Americanos todavia“!
(es fehlen noch drei Amerikaner)
Zusammen gingen wir in sein Büro.
Es war ein kahler Raum ohne Tapeten, ein alter Schreibtisch und drei Plastikstühle standen da.
Was ist mit dir, „Gringo“? Du siehst so blass aus? Fragte er mich, während er seine blutigen Finger verband.
Ich habe heute Nacht nicht viel geschlafen und Durchfall habe ich auch ein wenig! sagte ich.
Ahaa! grienste er, die „Rache Moctezumas“!
Aber setz dich doch,“Gringo“, und ruh dich aus, bis die Americanos kommen! Rief er mir zu und ging wieder nach draussen.
Fast eine Stunde lang döste ich auf einem der Plastikstühle herum und zweimal verschwand ich in die Toilette, bis endlich eine Frau mit einem Strohhut herein kam. Ihr folgten zwei Dollarschwere Amerikaner mit Cowboy-Hüten. Die Männer beachteten mich nicht, doch die Frau erkannte sofort die Situation. In einem typischen Südstaaten-Akzent fragte sie mich:
Hey Man, you are sick?
Naja! Durchfall habe ich und geschlafen habe ich auch nicht viel! Sagte ich.
Nach amerikanischer Art bot sie mir gleich zwei Tabletten an und sagte:
Ahaa, die Rache Moctezumas! Hier nehmen sie die, das hilft!
Dankend nahm ich sie an und bat sie: „Aber jetzt blos kein Aufstand machen, mit dem Kaiser der Azteken kämpfe ich selbst“!
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis der Pilot kam und wir endlich in das Flugzeug einsteigen konnten. Ich bekam den hintersten Sitzplatz. Das hatte was Gutes und was Schlechtes. Das Gute war, ich hatte zu beiden Seiten freie Sicht. Und das Schlechte war, ich sass eingequetscht wie in einem prall gefüllten Rollmopsglas. Doch in meiner Situation war das ein Vorteil für mich, denn in dieser Stellung konnte die „Rache Moctezumas“ nichts ausrichten.
Der Pilot ließ das Flugzeug bis zum Anfang der Piste rollen. Er drehte sich nochmal um, sah uns an und rief in spanischem Akzent: „ready for take off“? Wir nickten alle, dann heulte der Motor auf und ich bekam einen sanften Druck ins Kreuz. Unter mir begann es rasant zu poltern. Kurz vor dem Ende der Piste zog er die Maschine hoch. Wir flogen rechts an den Hügeln vorbei und nahmen westlichen Kurs in Richtung Bonampak.
Es war ein ruhiger Sichtflug. Der Pilot flog nach Kompass, keine GPS Signale, keine digitale Anzeigen, alles nur runde, analoge Mess-Instrumente. Und kein Funkspruch mit Irgendeinem Tower. Wir flogen nicht hoch, so dass man eine gute Sicht auf die Landschaft hatte und es wurde immer grüner. Ich machte ein paar Bilder und konzentrierte mich dann auf mein Innenleben,“ohh ohh“!
Nach gut einer Stunde meinte der Pilot: „Wir gehen jetzt runter“! Ich dachte „wo will der jetzt landen“? Er steuerte ein kleines grünes Band an, in mitten der grünen Hölle und begann mit dem Landeanflug.
Bremsklappen, Motorgeräusche, leichter Schrägflug, dann setzte er die Maschine sicher auf die Piste.
Bremsend liess er sie bis zum Ende auslaufen, drehte um, fuhr zurück zum Startplatz und parkte sie direkt neben dem dichten Dschungel.
Wir stiegen aus. Die feuchte Wärme, die wie eine Glocke über dem Urwald hing, hatte ich im Flugzeug schon gespürt. Der Pilot und die drei Americanos gingen zu den Ruinen und ich verschwand im Dschungel. Ich war meinem Magen und Darm gefolgt. Die Geräuschkulisse des Urwaldes war überwältigend. Ich musste sehr aufpassen, dass ich keiner Schlange oder Spinne in die Quere kam und dass mich die Blattschneider Ameisen nicht überfielem.
Etwas später folgte ich den anderen zu den Ruinen, legte mich auf einen Stein der Maya und habe den einstündigen Aufenthalt in den Maya-Ruinen von Bonampak regelrecht verschlafen. Ich war ziemlich kaputt.
Der Pilot weckte mich zum Weiterflug nach Yaxchilán.
Der Start und die Landung war das aufregendste während des kurzen Fluges. Die Maya-Ruinen von Yaxchilán liegen direkt am Río Usumacinta, der die natürliche Grenze zu Guatemala bildet. Hier ging es mir etwas besser, so dass ich den Rundgang durch die Ruinen mitmachen konnte. Nur einmal musste ich aufpassen, dass ich keinem Krokodil in den Weg kam, denn ich folgte meinem Magen und Darm bis runter zum Fluß.
Nach einer guten Stunde bestiegen wir wieder die fliegende Blechkiste und starteten zum Rückflug. Wieder saß ich eingequetscht auf meinem einsamen Sitzplatz im hinteren Teil und schaute auf diese abenteuerliche Piste. Und ich sah diese Urwald-Riesen, die weit über dreißig Meter hohen Bäume, am Ende der Piste.
Wie will er das schaffen?
Der Pilot schaute uns an, lächelte und meinte:
Ready for take off?
Wir alle lächelten und ich sagte in einem kleinlauten Ton:
Si hombre vámonos!
Ich bekam jetzt einen stärkeren Druck ins Kreuz.
Rasant nahmen wir Geschwindigkeit auf und rasten den Urwald-Riesen entgegen. Kurz nach dem die Maschine abhob, flog er links an den Riesen Bäumen vorbei, über den Fluss und zog die Kiste hoch. Die Amerikaner klatschten und ich dachte: „Was für ein Teufelskerl“!
Ich war verdammt nochmal sehr beeindruckt. Wir nahmen dann den östlichen Kurs in Richtung San Christobal, dem Heimatflughafen entgegen.
Hier, bei dem Fliegen in dieser Region, gibt es keine Regeln. Was hier zählt sind Erfahrungswerte. Solche Busch-Piloten sind meist auf sich selbst gestellt und es sind „Zauberer der Lüfte“.
Und genau so einen Piloten, er war nicht nur Buschpilot, er war Bildhauer, Photograph, Buchautor und Abenteurer, genau so einen, habe ich Jahre später bei einem Abendessen in Zürich kennengelernt.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Mein erstes Urwald-Abenteuer

Mexiko 1985.
Teil 1.) „Moctezumas Rache“
Umringt von sanften Hügeln, liegt die Kleinstadt „San Christobal de las Casas“ im kühlen Hochland von Chiapas, im südlichen Mexiko. Es war später Nachmittag, als ich mein billiges Hotelzimmer verließ. Die Strassen waren knöcheltief unter Wasser. Ich war in der Trockenzeit unterwegs, doch hier unten im Süden, in Zweitausenmeter Höhe, ist es nicht selten, wenn mal ein Platzregen niedergeht. Der Regen spülte die Luft klar und rein, und da es hier keine Kanalisation gab, bahnte sich das Wasser seinen Weg irgendwohin.
Der Hunger trieb mich in die überschwemmten Strassen und gut gelaunt sprang ich, in zwei drei Sätzen, von Bürgersteig zu Bürgersteig. Barfüssige Männer mit alten Strohhüten und zerfranzten Ponchos begegneten mir.
Ich freute mich auf den nächsten Tag, denn Vormittags kaufte ich mir ein Flugticket für 110 US-Dollar, damals waren das Vierhundert Mark. Fast ein kleines Vermögen, wenn man überlegt, für wie lange das zum Leben In diesem billigen Land gereicht hätte. Doch für mein erstes Urwaldabenteuer, für einen Flug in die Selva Lacoandona, zu den Maya-Ruinen von Bonampak und Yaxchilan, war es mit wert.
Nach ein paar hüpfenden Balance Akten erreichte ich den von Indigenas belebten Markt, der das kurze, aber heftige Unwetter relativ trocken überstand.
Da lagen sie nun, die süssen Früchten aus dem tropischen Tiefland. Genüsslich schlug ich mein Bauch voll mit Mangos, Papayas, Orangen und Bananen. die Fressorgie schloss ich ab mit einem zähen Stück Fleisch, das an einem keinen Marktstand als „Bistek“ verkauft wurde. Als Beilage gab es Bohnen, die dunklen versteht sich.
Während ich diese gebackene Schuhsohle zwischen meine Zähne schob, schaute mir ein kleiner Junge zu, der in einer Ecke neben Holzkisten und Plastikeimern saß. In der einbrechenden Abenddämmerung leuchteten seine schwarzen Augen, im düsteren Petroleumlicht, wie zwei Austern Perlen. Mit seinen weissen, lückenhaften Zähnen, lächelte er mir zu. Ich lächelte zurück und wusste sofort, ohne zu fragen, was er wollte. Ich gab ihm ein paar Bohnen und ein Stück von der sogenannten Schuhsohle. Ein dankbares schmunzeln kam über sein schmutziges Gesicht. Schweigend bezahlte ich ein paar Pesos der alten Frau, die den Marktstand führte und hopste wieder über die, mit Pfützen übersäten und glänzenden Strassen, zurück in mein Hotel.
Mit einer inneren Spannung,aber glücklich und zufrieden, lag ich auf der Holzpritsche und blätterte und schrieb in meinem Tagebuch. Kakerlaken krochen ab und zu aus den Holzritzen hervor, die aber gleichdrauf wieder verschwanden, weil ich ihnen irgendetwas entgegen warf. Diese vier bis fünf Zentimeter langen Käfer, die leider nicht vom Aussterben bedroht sind, warteten wohl nur drauf, bis ich meine Kerze ausblies, um dann über irgendetwas Fressbares herzufallen. Doch nach einer weile tat ich ihnen den Gefallen. Mit dem Lied „La Cucaracha“ summend, kroch ich in mein Schlafsack und fiel auch bald in träumenden Schlummer.
Die Nacht dauerte nur drei Stunden. Nicht wegen den Kakerlaken, und schon garnicht wegen dem leichten Schlaf, den ich mir unterwegs angewöhnt hatte. Mein Magen drückte und mir war es Übel, zum kotzen schlecht. Schnell öffnete ich mein Schlafsack, griff zur Taschenlampe,die neben mir lag und rannte aus dem Zimmer, stürzte sogleich über den Patio zur Toilette, reisste die Tür auf und, aahhhhh. Da kamen sie alle wieder. Die süssen Mangos, Papayas, Orangen und Bananen, und die gebackene Schuhsohle, weich und zart, in einem unaussprechlichen, braunen Gemisch.
Es gibt viele Namen für diese Situation: „Griechischer Galopp, Basar Bauch, Puna Pfiff, Jordan Jodler“. In diesem Teil der Welt heißt es „Moctezumas Rache“. Minuten dauerte es noch, bis ich mich einigermaßen Sicher fühlte, um wieder in mein Schlafsack zu schlüpfen.
In der Nacht fand ich keinen Schlaf mehr. Noch etwa Zwanzig mal stürzte ich über den Patio zur Toilette und Stunde um Stunde wurden meine Sorgen größer. Konnte ich den Flug in den Urwald noch wagen? Zudem quälten mich noch Fieber, Schüttelfrost und Erbrechen, ein Fressen für die Kakerlaken. Im Morgengrauen traf ich den Entschluss. Ich wollte unbedingt mitfliegen, egal wie.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.