EXPEDITION YARO

EXPEDITION YARO
Peru 1989
Teil 13

„GALERIE DES TODES“

In der Nacht hatte ich Albträume. Ich muss dazu sagen: „Es gibt schreckliche Albträume, in denen man Angst hat und Schweiß gebadet aufwacht und es gibt schöne Albträume, in denen man Angst hat, dass sie auf einmal zu Ende sind, weil man aufwacht. Diese Träume in der Nacht waren schrecklich schöne Albträume.
Rosa und Liza besuchten mich und fesselten mich nackt ans Bett. Ich spürte ihre Hände, Lippen und Zungen überall. Als Rosa auf meinem Becken saß und ich ihr Luststöhnen stocken hörte, wachte ich auf, weil draußen im Hof ein blöder Hahn krähte. Er musste ganz in der Nähe meiner Zimmertür gewesen sein. Es hörte sich schrecklich an, so wie „äh äh ähh äähhhtsch. Das schöne blieb zurück, eine Schlange in meinem Schlafsack, aber die war mir ja bekannt.
Der Morgen war jung und draußen wurde es langsam hell. Ich zog mich an, packte meinen kleinen Rucksack, mit allem, was ich zum Überleben in fremden Regionen benötigte, ging nach draußen und setzte mich auf den Stuhl der vor meinem Zimmer stand. Da sah ich ihn laufen, den Übeltäter, der mich aus dem nackten Traum geholt hat. Er war ein stolzer Hahn, dem ein paar geile Hühner folgten.
Mein Gastgeber kam gerade aus der Küche und brachte mir schwarzen Kaffee und, zu meiner Verwunderung, Fladenbrot und Marmelade. Alles was ein Europäer frühmorgens braucht. Lächelnd begrüßte er mich, stellte alles auf den Tisch und sagte:
Buen provecho Señor!
Wir kamen ein wenig ins Gespräch und während der Unterhaltung habe ich erfahren, dass sein Bruder in der Schweiz lebt, in Zürich. Er arbeitet als Koch im Hotel Schweizer Hof und ist mit einer Schweizerin verheiratet.
Es war vor zehn Jahren, erzählte er. Die Frau kam mit französischen Archäologen in unser Dorf und mein Bruder ging mit ihr in die Schweiz. Vor vier Jahren hatten sie uns mal besucht und ab und zu schicken sie uns ein wenig Geld. Und wie sagte mein Gastgeber noch:
Aprendí dos palabras en alemán: (zwei Wörter lernte ich in deutsch)
Fristick i Marrmlad (Frühstück und Marmelade) und er nickte mit dem Kopf.
Bueno, sagte ich und lächelte ihn an. Ich fragte ihn noch nach dem Weg nach Piruro. Er meinte:
Ja, da müssen sie erst runter in die Schlucht und dann etwa 800 Höhenmeter auf der anderen Seite nach oben. Drei, manchmal vier Stunden, der Weg ist gut.
Aber passen sie auf, es ist gefährlich, es gibt viele schlechte Menschen da!
Dem Zeitgefühl der Lateinamerikaner traute ich noch nie, aber nach meinen Berechnungen könnte es stimmen und, naja, schlechte oder unangenehme Menschen war ich gewohnt.
In meinem Leben und auf all meinen Reisen habe ich
gelernt mit den Gefahren, seien es objektive oder subjektive Gefahren, umzugehen.
(*Objektive Gefahren sind Gefahren, welche außerhalb des menschlichen Beherrschungsvermögens liegen

*Subjektive Gefahren sind Gefahren, welche aus dem Verhalten des Menschen entstehen.)
Und in meinem Leben habe ich mir angewöhnt, immer zuerst an das schlechte und schlimme zu denken, so bin ich mir immer sicher, dass alles besser werden kann.
Ich hatte zu Ende gefrühstückt und wollte gerade aufbrechen, da kam mein Gastgeber aus der Küche und reichte mir ein Fladenbrot mit Käse und Koka Tee für unterwegs. Eine Notration mit getrockneten Früchten und Müsliregel hatte ich ja immer dabei, aber das Fladenbrot mit Käse und Kokatee war eine willkommene Abwechslung. Er meinte noch:
Cuidado hombre! (pass auf,
Mann)
Si claro! Sagte ich, lächelte und stieg dann ab in die Schlucht zum Rio Tantamayo. Ich ging über die Hängebrücke auf die andere Seite und begann mit dem Aufstieg nach Piruro. Vorbei an ein paar Lehmhütten und an prachtvollen Pflanzen, die „Campanilla“ (Tropen Trompete) ist ein Strauch von mindestens 8 Meter Höhe. Die Blüten sind giftig. Das Gift wurde bei geheimnisvollen Ritualen benutzt, um Menschen in Trance zu versetzen. Feuerlilien und Orchideen. Blumen, die es bei uns nur als Zimmerpflanzen gibt.
Nach mehr als drei Stunden kam ich zu dem verfallenen Wohnviertel der Yarowilka. Es wird bezeichnet als „Piruro Nr.III“.
Piruro ist das einheimische Wort für den Spinnwirtel, eine kleine durchlöcherte Holz oder Tonscheibe. Damit der Faden nicht herrausfallen kann, wird sie auf das Ende einer Spindel gesteckt. Ein Argument also, dass in diesem Ort Wolle gesponnen oder gewebt wurde.
Ich stieg weiter bergauf. Wolken zogen aus dem Marañóntal herüber und verwandelten die unwirtliche Landschaft in ein difuses Licht. Es fing an zu regnen. Plötzlich brachen die Wolken auf und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich stand vor dem Heiligtum der Yarowilka. Ich hatte Piruro Nr.II erreicht.
Die Gebäude stehen im Halbkreis nebeneinander.
Einmalig für ganz Südamerika sind die Häuser, die auf fünf Stockwerke fast zehn Meter hochgezogen sind. Die Giebel der Bauwerke haben eine Ähnlichkeit mit den Maya-Pyramiden in Guatemala.
Trittsteine führen zu den seltsamen Nischen die 90cm hoch, 60cm breit und ein Meter tief sind.
Die Zahlen beweisen, dass hier in diesen Nischen einst zusammengeschrumpfte Mumien verstorbener Könige kauerten. Die Yarowilka haben sie regelrecht zur Schau gestellt. Diese Kenntnis ließ mich erschaudern. Ich stand mittendrin in einer „Galerie des Todes“.
Aber Grabräuber haben längst die geschmückten Leichenbündel gestohlen.
Ein weiterer Beweis liefert ein Ritzstein in der Mauer.
Er zeigt ein Spiralmotiv.
Das Spiralmotiv hat bei Naturvölkern rein kultische Bedeutung, es symbolisiert
die Rückkehr der Sonne, ewige Wiederkehr, Überwindung des Todes und neues Leben.
Französische Archäologen haben in dieser „Galerie des Todes“ ein Haus untersucht. Sie fanden Keramik und Reste organischer Stoffe aus der Zeit um 1000 v. Chr.
Der Französische Archäologe „Luis Girault“ kam bei anderen Gegenständen mit Hilfe der C14 Analyse (einer Radiocarbondatierung) auf ein Alter von 3900 bis 4100 Jahren. Aber leider konnten diese Zahlen durch weitere Materialanalysen nicht bestätigt werden.
Doch erwiesen ist:
Piruro steht auf uraltem Kulturboden.
Über eine Stunde hatte ich mich in der „Galerie des Todes“ aufgehalten und wollte gerade weiter hoch steigen bis Piruro Nr.I, als sich plötzlich von oben, noch hinter der versetzten Wehrmauer, vier Männer näherten. Sie waren militärisch gekleidet und mit Maschinengewehre schwer bewaffnet. Es war wohl eine Militärpatrouille oder Guerrilleros des Sendero Luminoso auf einem der „Wege des Terrors“. Ich hatte schon 1985 auf einer Reise durch Guatemala Erfahrungen mit den Militärs und mit Privatpatroullien im Guerilla Krieg gemacht, schlechte Erfahrungen.
Und da sie mich noch nicht gesehen hatten, überlegte ich kurz:
Sollte ich mich zu erkennen geben?
Nein. Ich hatte mich in einer der oberen Nischen versteckt. Ich kauerte in dem Loch wie eine damalige Königs-Mumie. Sie bemerkten mich nicht, aber ich konnte sie deutlich hören, sie sprachen ein Quechúa Dialekt. Militärs in Peru sprechen eigentlich Spanisch, so konnten es nur Terroristen sein, dachte ich. Als sie unter mir vorbei gingen, hörte ich mein Herz pochen bis zum Hals. Ich hatte bestimmt ein Pulsschlag von 160, ohne dass ich mich bewegte. Die Situation kann man mit drei Worten beschreiben:
„Ich hatte Angst“.
Angst, dass sie mich entdeckten. Dann wären mir zwei Optionen sicher gewesen: „Entführen und/oder gleich Erschießen“
Wer stirbt schon gerne in den Anden?
Ich dachte an die drei deutschen Studenten, die 1983 auf dem Inka Trail nach Machu Picchu ermordet wurden. Und ich dachte an diese alte Frau in Huánuco. Was sagte sie noch?
Hola Gringo, a donde viajes? vas a morir“! (Hallo Gringo, wohin reist du? du wirst sterben!)
Mein Aberglaube kam wieder in mir hoch. Sollte sie wirklich recht behalten?
Ich beruhigte mich, als ich die Terroristen nicht mehr hörte. Über eine halbe Stunde kauerte ich in dieser Nische. Ich hatte mein Fladenbrot und den Käse gegessen und den Koka Tee getrunken, den ich mir abgefüllt hatte. Eine Köstlichkeit in meinem kleinen Versteck.
Ich kam wieder, wie so oft, ins grübeln: Mit wie wenig doch man zufrieden sein kann, „ein kleiner Rucksack, paar Dinge zum Überleben, ein Fladenbrot, ein bisschen Käse und Kokatee auf einem spektakulären, alten Kulturboden mitten in den Anden. Demut.
Ich schaute um mich. Ich konnte niemand mehr sehen oder hören und so wagte ich es rauszukommen aus meiner Nische. Ich war wieder alleine, ganz alleine, mitten in der „Galerie des Todes“
Ich stieg dann weiter bergauf und erreichte auch bald Piruro Nr.I, es diente den Yarowilka für astronomische Zwecke oder es war ein Aussichtspunkt, um weit in die Landschaft hinaus zusehen. Die Feinde lauerten überall. Hier oben in fast 4000 Meter Höhe war ich nicht alleine. Ein kleiner Hirtenjunge saß auf einem Felsen, der seine Schafherde hütete.
Durch ein Loch in den Wolken konnte ich die Cordillera Huayhuash erkennen. Der Yerupája ist der zweit höchste Berg Perus und der Heilige Berg der Yarowilka. Das war mein nächstes Ziel, ein weiter, gefahrvoller Weg.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte.

Lateinamerika Abenteuer

Lateinamerika Abenteuer
Neuseeland 1983
Mexiko 1985

Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Ich habe es Benny Greenwood zu verdanken, dass ich dieses Abenteuer erleben durfte. Auf einer Insel im südlichen Neuseeland war ich ihm begegnet. Wir saßen am Kaminfeuer einer Hütte, ich schwenkte einen kochenden Topf selbst gesammelter Muscheln und er, der australische Jäger, erzählte von einer Busfahrt durch die Anden und einer Krokodil-Jagd im peruanischen Amazonas Urwald.
Ich war 1983 um die halbe Welt geflogen, war per Anhalter Monate lang durch eine damals fremde Insel im südlichen Pacific gefahren und das Schicksal wollte es, dass ich diesem Jäger begegnete.
Weißt du, sagte er, dieses Lateinamerika kann dir einfach alles bieten. Da sind zum einen die Gegensätze von Landschaft und Klima, der feucht heiße Regenwald, wo der Jaguar und der Tapir umher streunen. Die trocken heißen Wüsten, wo es noch nie regnete. Und das tropische Hochgebirge, dort, wo die Apu’s, die Berggeister leben.
Und zum anderen sind es die Altamerikanischen Kulturen, die Maya, die Inka, die Azteken, die Zapoteken und ihre Erben, den reinrassigen Indigenas in ihren Ponchos und farbenfrohen Trachten.
Faszinierend hörte ich ihm zu und träumte mit offenen Augen vor mich hin. Aber, erzählte er weiter und hob den Zeigefinger, wenn du wirklich mal dorthin reisen willst, musst du sehr vorsichtig sein. Lateinamerika ist ein armes Land. Es gibt politische, wirtschaftliche und soziale Probleme. Die Indigenas auf dem Land leben in sehr einfachen Verhältnissen. Und in den Großstädten ist es am schlimmsten. Viele Leute, aber auch Kinder, leben nur in den Straßen. Armut, Not und Hunger stehen an erster Stelle und machen erfinderisch. Du kannst überfallen und ausgeraubt werden. Im schlimmsten Fall kannst du sogar getötet werden. Aber auch sonst kannst du dein Leben dort verlieren, zum Beispiel durch eine alles zerstörende Naturkatastrophe wie Erdbeben, Stürme, Vulkanausbrüche, Erdrutsche und Überschwemmungen. Ganze Städte sind da schon vom Erdboden verschwunden.
Ich erwachte aus meinem Tagtraum, denn seine Worte stimmten mich nachdenklich.
Aber, fügte er hinzu, wenn du Zeit zum Reisen mitbringst und mit offenen Augen durch die Welt gehst, wenn du dich dem Land anpasst, liegt dir Lateinamerika zu Füssen.
Mittlerweile waren die Muscheln gar und wir assen eine Spezialität, die anderswo recht teuer gewesen wäre, inmitten der neuseeländischen Inselwildnis. Und seine Erzählungen wollten kein Ende nehmen.
Mit diesen Gedanken und Erfahrungen, landete ich zwei Jahre später in Mexiko City, eine der größten Städte der Welt. Damals hatte diese Metropole schon mehr als 20 Millionen Einwohner, ohne die nicht registrierten Menschen, die ständig in den Straßen leben, auf der Suche nach dem Glück.
Ich betrat das erste Mal lateinamerikanischen Boden und war auf der Suche nach einem archäologischen Abenteuer.

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.