Mein erstes Urwald-Abenteuer

Mexiko 1985.
Teil 2.) „El Gringo, und der Flug in den Urwald“.
Reges treiben beherrschte das Strassenbild, als ich schläfrig und schwach und vollgepumpt mit Kohletabletten das Hotel verliess und zum Stadtrand schlenderte, wo der Flugplatz lag. Es war sonnig, nur am südlichen Horizont waren Schönwetterwolken zu sehen. Ein alter Mann, mit Hut und einem Stock in der Hand, begegnete mir. Schwer trug er ein Plastiksack auf dem Rücken. Er blieb stehen und rief mir nach, „Hola Gringo boracho“!(Hallo betrunkener Fremder). Ja, durch das Fieber und den enormen Wasserverlust, den mir die „Rache Moctezumas“ bescherte, war ich ganz schön wacklig auf den Beinen. Ich beachtete ihn nicht, lief einfach weiter und war froh, als ich nach einer halben Stunde den Flugplatz erreichte.
Dieser Provinz-Flugplatz entsprach meinen Vorstellungen eines abenteuerlichen Unternehmens. Eine kurze Asphaltpiste mit Schotter umgrenzt. Ein Gebäude aus Steinen, mit einem Dach aus Wellblech. Und ein Hallen-Anbau aus Wellblech mit provisorischen Fenstern. Das Hallentor stand offen und ich sah, in ungeordneterweise, drei Einmotorige Propellerflugzeuge stehen. Neben dem Hallentor lagen verrostete Propeller herum und ein Mann, in einem blauen Overall, beugte sich über einen ölverschmierten Motor. Auf seinem Rücken stand die Aufschrift „Aero Chiapas“.
„Caramba“! fluchte er, lies ein Schraubenschlüssel fallen und putzte seine blutenden und ölverschmierten Finger an einem Wollkneuel ab. Mit einem zornigen „Buenos Dias“! huschte er an mir vorbei und verschwand in der Halle.
Ich ging zu einer Tür an der ein Pappschild hing mit der Aufschrift „Administración“. Ich klopfte Einmal, Zweimal, Dreimal, keine Antwort. Ich wartete noch ein weilchen und klopfte ein Viertes mal an die Tür und öffnete sie, und da stand auch schon der blaue Overall hinter mir, mit einem etwas freundlicheren Gesicht. Seine Finger bluteten noch.
Buenos Días Señor! sagte ich.
Er reichte mir seine Hand und sagte noch einmal, in einem freundlicheren Ton, „Buenos Dias“!
Ich zeigte ihm mein Flugticket und da meinte er,
„Es ist noch etwas Zeit“.
Aber der Flug ist für Acht Uhr angesetzt, sagte ich!
Ja ja! raunte er, der Pilot wird gleich kommen!
Und in seiner deutlichen Aussprache, die ich sehr gut verstand, sagte er noch:
„Falta tres Americanos todavia“!
(es fehlen noch drei Amerikaner)
Zusammen gingen wir in sein Büro.
Es war ein kahler Raum ohne Tapeten, ein alter Schreibtisch und drei Plastikstühle standen da.
Was ist mit dir, „Gringo“? Du siehst so blass aus? fragte er mich, während er seine blutigen Finger verband.
Ich habe heute Nacht nicht viel geschlafen und Durchfall habe ich auch ein wenig! sagte ich.
Ahaa! grienste er, die „Rache Moctezumas“!
Aber setz dich doch,“Gringo“, und ruh dich aus, bis die Americanos kommen! rief er mir zu und ging wieder nach draussen.
Fast eine Stunde lang döste ich auf einem der Plastikstühle herum und zweimal verschwand ich in die Toilette, bis endlich eine Frau mit einem Strohhut herein kam. Ihr folgten zwei Dollarschwere Amerikaner mit Cowboy-Hüten. Die Männer beachteten mich nicht, doch die Frau erkannte sofort die Situation. In einem typischen Südstaaten-Akzent fragte sie mich:
Hey Man, you are sick?
Naja! Durchfall habe ich und geschlafen habe ich auch nicht viel!, sagte ich.
Nach amerikanischer Art bot sie mir gleich zwei Tabletten an und sagte:
Ahaa, die Rache Moctezumas! Hier nehmen sie die, das hilft!
Dankend nahm ich sie an und bat sie: „Aber jetzt blos kein Aufstand machen, mit dem Kaiser der Azteken kämpfe ich selbst“!
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis der Pilot kam und wir endlich in das Flugzeug einsteigen konnten. Ich bekam den hintersten Sitzplatz. Das hatte was Gutes und was Schlechtes. Das Gute war, ich hatte zu beiden Seiten freie Sicht. Und das Schlechte war, ich sass eingequetscht wie in einem prall gefüllten Rollmopsglas. Doch in meiner Situation war das ein Vorteil für mich, denn in dieser Stellung konnte die „Rache Moctezumas“ nichts ausrichten.
Der Pilot ließ das Flugzeug bis zum Anfang der Piste rollen. Er drehte sich nochmal um, sah uns an und rief in spanischem Akzent: „ready for take off“? Wir nickten alle, dann heulte der Motor auf und ich bekam einen sanften Druck ins Kreuz. Unter mir begann es rasant zu poltern. Kurz vor dem Ende der Piste zog er die Maschine hoch. Wir flogen rechts an den Hügeln vorbei und nahmen westlichen Kurs in Richtung Bonampak.
Es war ein ruhiger Sichtflug. Der Pilot flog nach Kompass, keine GPS Signale, keine digitale Anzeigen, alles nur runde, analoge Mess-Instrumente. Und kein Funkspruch mit Irgendeinem Tower. Wir flogen nicht hoch, so dass man eine gute Sicht auf die Landschaft hatte und es wurde immer grüner. Ich machte ein paar Bilder und konzentrierte mich dann auf mein Innenleben,“ohh ohh“!
Nach gut einer Stunde meinte der Pilot: „Wir gehen jetzt runter“! Ich dachte „wo will der jetzt landen“? Er steuerte ein kleines grünes Band an, in mitten der grünen Hölle und begann mit dem Landeanflug.
Bremsklappen, Motorgeräusche, leichter Schrägflug, dann setzte er die Maschine sicher auf die Piste.
Bremsend liess er sie bis zum Ende auslaufen, drehte um, fuhr zurück zum Startplatz und parkte sie direkt neben dem dichten Dschungel.
Wir stiegen aus. Die feuchte Wärme, die wie eine Glocke über dem Urwald hing, hatte ich im Flugzeug schon gespürt. Der Pilot und die drei Americanos gingen zu den Ruinen und ich verschwand im Dschungel. Ich war meinem Magen und Darm gefolgt. Die Geräuschkulisse des Urwaldes war überwältigend. Ich musste sehr aufpassen, dass ich keiner Schlange oder Spinne in die Quere kam und dass mich die Blattschneider Ameisen nicht überfielem.
Etwas später folgte ich den anderen zu den Ruinen, legte mich auf einen Stein der Maya und habe den einstündigen Aufenthalt in den Maya-Ruinen von Bonampak regelrecht verschlafen. Ich war ziemlich kaputt.
Der Pilot weckte mich zum Weiterflug nach Yaxchilán.
Der Start und die Landung war das aufregendste während des kurzen Fluges. Die Maya-Ruinen von Yaxchilán liegen direkt am Río Usumacinta, der die natürliche Grenze zu Guatemala bildet. Hier ging es mir etwas besser, so dass ich den Rundgang durch die Ruinen mitmachen konnte. Nur einmal musste ich aufpassen, dass ich keinem Krokodil in den Weg kam, denn ich folgte meinem Magen und Darm bis runter zum Fluß.
Nach einer guten Stunde bestiegen wir wieder die fliegende Blechkiste und starteten zum Rückflug. Wieder saß ich eingequetscht auf meinem einsamen Sitzplatz im hinteren Teil und schaute auf diese abenteuerliche Piste. Und ich sah diese Urwald-Riesen, die weit über dreißig Meter hohen Bäume, am Ende der Piste.
Wie will er das schaffen?
Der Pilot schaute uns an, lächelte und meinte:
Ready for take off?
Wir alle lächelten und ich sagte in einem kleinlauten Ton:
Si hombre vámonos!
Ich bekam jetzt einen stärkeren Druck ins Kreuz.
Rasant nahmen wir Geschwindigkeit auf und rasten den Urwald-Riesen entgegen. Kurz nach dem die Maschine abhob, flog er links an den Riesen Bäumen vorbei, über den Fluss und zog die Kiste hoch. Die Amerikaner klatschten und ich dachte: „Was für ein Teufelskerl“!
Ich war verdammt nochmal sehr beeindruckt. Wir nahmen dann den östlichen Kurs in Richtung San Christobal, dem Heimatflughafen entgegen.
Hier, bei dem fliegen in dieser Region, gibt es keine Regeln. Was hier zählt sind Erfahrungswerte. Solche Busch-Piloten sind meist auf sich selbst gestellt und es sind „Zauberer der Lüfte“.
Und genau so einen Piloten, er war nicht nur Buschpilot, er war Bildhauer, Photograph, Buchautor und Abenteurer. Genau so einen, habe ich Jahre später bei einem Abendessen in Zürich kennengelernt.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Mein erstes Urwald-Abenteuer

Mexiko 1985.
Teil 1.) „Moctezumas Rache“
Umringt von sanften Hügeln, liegt die Kleinstadt „San Christobal de las Casas“ im kühlen Hochland von Chiapas, im südlichen Mexiko. Es war später Nachmittag, als ich mein billiges Hotelzimmer verließ. Die Strassen waren knöcheltief unter Wasser. Ich war in der Trockenzeit unterwegs, doch hier unten im Süden, in Zweitausenmeter Höhe, ist es nicht selten, wenn mal ein Platzregen niedergeht. Der Regen spülte die Luft klar und rein, und da es hier keine Kanalisation gab, bahnte sich das Wasser seinen Weg irgendwohin.
Der Hunger trieb mich in die überschwemmten Strassen und gut gelaunt sprang ich, in zwei drei Sätzen, von Bürgersteig zu Bürgersteig. Barfüssige Männer mit alten Strohhüten und zerfranzten Ponchos begegneten mir.
Ich freute mich auf den nächsten Tag, denn Vormittags kaufte ich mir ein Flugticket für 110 US-Dollar, damals waren das Vierhundert Mark. Fast ein kleines Vermögen, wenn man überlegt, für wie lange das zum Leben In diesem billigen Land gereicht hätte. Doch für mein erstes Urwaldabenteuer, für einen Flug in die Selva Lacoandona, zu den Maya-Ruinen von Bonampak und Yaxchilan, war es mit wert.
Nach ein paar hüpfenden Balance Akten erreichte ich den von Indigenas belebten Markt. ,Der das kurze, aber heftige Unwetter, relativ trocken überstand.
Da lagen sie nun, Die süssen Früchten aus dem tropischen Tiefland. Genüsslich schlug ich mein Bauch voll mit Mangos, Papayas, Orangen und Bananen. die Fressorgie schloss ich ab mit einem zähen Stück Fleisch,das an einem keinen Marktstand als „Bistek“ verkauft wurde, und als Beilage gab es Bohnen, die dunklen versteht sich.
Während ich diese gebackene Schuhsohle zwischen meine Zähne schob, schaute mir ein kleiner Junge zu, der in einer Ecke neben Holzkisten und Plastikeimern saß. In der einbrechenden Abenddämmerung leuchteten seine schwarzen Augen, im düsteren Petroleumlicht, wie zwei Austern Perlen. Mit seinen weissen, lückenhaften Zähnen, lächelte er mir zu. Ich lächelte zurück und wusste sofort, ohne zu fragen, was er wollte. Ich gab ihm ein paar Bohnen und ein Stück von der sogenannten Schuhsohle. Ein dankbares schmunzeln kam über sein schmutziges Gesicht. Schweigend bezahlte ich ein paar Pesos der alten Frau, die den Marktstand führte und hopste wieder über die, mit Pfützen übersäten und glänzenden Strassen, zurück in mein Hotel.
Mit einer inneren Spannung,aber glücklich und zufrieden, lag ich auf der Holzpritsche und blätterte und schrieb in meinem Tagebuch. Kakerlaken krochen ab und zu aus den Holzritzen hervor, die aber gleichdrauf wieder verschwanden, weil ich ihnen irgendetwas entgegen warf. Diese vier bis fünf Zentimeter langen Käfer, die leider nicht vom Aussterben bedroht sind, warteten wohl nur drauf, bis ich meine Kerze ausblies, um dann über irgendetwas Fressbares herzufallen. Doch nach einer weile tat ich ihnen den Gefallen. Mit dem Lied „La Cucaracha“ summend, kroch ich in mein Schlafsack und fiel auch bald in träumenden Schlummer.
Die Nacht dauerte nur drei Stunden. Nicht wegen den Kakerlaken, und schon garnicht wegen dem leichten Schlaf, den ich mir unterwegs angewöhnt hatte. Mein Magen drückte und mir war es Übel, zum kotzen schlecht. Schnell öffnete ich mein Schlafsack, griff zur Taschenlampe,die neben mir lag und rannte aus dem Zimmer, stürzte sogleich über den Patio zur Toilette, reisste die Tür auf und, aahhhhh. Da kamen sie alle wieder. Die süssen Mangos, Papayas, Orangen und Bananen, und die gebackene Schuhsohle, weich und zart, in einem unaussprechlichen, braunen Gemisch.
Es gibt viele Namen für diese Situation: „Griechischer Galopp, Basar Bauch, Puna Pfiff, Jordan Jodler“. In diesem Teil der Welt heißt es „Moctezumas Rache“. Minuten dauerte es noch, bis ich mich einigermaßen Sicher fühlte, um wieder in mein Schlafsack zu schlüpfen.
In der Nacht fand ich keinen Schlaf mehr. Noch etwa Zwanzig mal stürzte ich über den Patio zur Toilette und Stunde um Stunde würden meine Sorgen größer. Könnte ich den Flug in den Urwald noch wagen? Zudem quälten mich noch Fieber, Schüttelfrost und Erbrechen, ein Fressen für die Kakerlaken. Im Morgengrauen traf ich den Entschluss. Ich wollte unbedingt mitfliegen, egal wie.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Lateinamerika Abenteuer

Lateinamerika Abenteuer
Neuseeland 1983
Mexiko 1985

Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Ich habe es Benny Greenwood zu verdanken, dass ich dieses Abenteuer erleben durfte. Auf einer Insel im südlichen Neuseeland war ich ihm begegnet. Wir saßen am Kaminfeuer einer Hütte, ich schwenkte einen kochenden Topf selbst gesammelter Muscheln und er, der australische Jäger, erzählte von einer Busfahrt durch die Anden und einer Krokodil-Jagd im peruanischen Amazonas Urwald.
Ich war 1983 um die halbe Welt geflogen, war per Anhalter Monate lang durch eine damals fremde Insel im südlichen Pacific gefahren, und das Schicksal wollte es, dass ich diesem Jäger begegnete.
Weißt du, sagte er, dieses Lateinamerika kann dir einfach alles bieten. Da sind zum einen die Gegensätze von Landschaft und Klima, der feucht heiße Regenwald, wo Jaguar und Tapir umher streunen. Die trocken heißen Wüsten, wo es noch nie regnete. Und das tropische Hochgebirge, dort, wo die Apu’s, die Berggeister leben.
Und zum anderen sind es die Altamerikanischen Kulturen, die Maya, die Inka, die Azteken, die Zapoteken und ihre Erben, den reinrassigen Indigenas in ihren Ponchos und farbenfrohen Gewändern.
Faszinierend hörte ich ihm zu und träumte mit offenen Augen vor mich hin. Aber, erzählte er weiter und hob den Zeigefinger, wenn du wirklich mal dorthin reisen willst, musst du auf der Hut sein. Lateinamerika ist ein armes Land. Es gibt politische, wirtschaftliche und soziale Probleme. Die Indigenas auf dem Land leben in sehr einfachen Verhältnissen. Und in den Großstädten ist es am schlimmsten. Viele Leute, aber auch Kinder, leben nur in den Straßen. Armut, Not und Hunger stehen an erster Stelle und machen erfinderisch. Du kannst überfallen und ausgeraubt werden. Im schlimmsten Fall kannst du sogar umgebracht werden. Aber auch sonst kannst du dein Leben dort verlieren, zum Beispiel durch eine alles zerstörende Naturkatastrophe wie Erdbeben, Stürme, Vulkanausbrüche, Erdrutsche und Überschwemmungen. Ganze Städte sind da schon vom Erdboden verschwunden.
Ich erwachte aus meinem Tagtraum, denn seine Worte stimmten mich nachdenklich.
Aber, fügte er hinzu, wenn du Zeit zum Reisen mitbringst und mit offenen Augen durch die Welt gehst, wenn du dich dem Land anpasst, liegt dir Lateinamerika zu Füssen.
Mittlerweile waren die Muscheln gar und wir assen eine Spezialität, die anderswo recht teuer gewesen wäre, inmitten der neuseeländischen Inselwildnis. Und seine Erzählungen wollten kein Ende nehmen.
Mit diesen Gedanken und Erfahrungen, landete ich zwei Jahre später in Mexiko City, eine der größten Städte der Welt. Damals hatte diese Metropole schon mehr als 20 Millionen Einwohner, ohne die nicht registrierten Menschen, die ständig in den Straßen leben, auf der Suche nach dem Glück.
Ich betrat das erste Mal lateinamerikanischen Boden und war auf der Suche nach einem archäologischen Abenteuer.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Domodossola 1995

D

Diese alte Römer Stadt liegt am Fuß des Monte Rosa Massivs, im italienischen Ossolatal.
In der Vicolo Facini Nr. 2 hatte ich eine Zwei Zimmer Wohnung angemietet. Von hier aus startete ich meine Exkursionen in das Valle Vigezzo nach Malesco und Re, ein bekannter Wallfahrtsort.
Und in das Centovalli bis nach Locarno am Lago Maggiore. Ich war auf archäologischer Spurensuche.
Im Valle Canobina, zwischen den beiden Ortschaften Gurro und Falmenta, fand ich sie. Schalensteine und Felszeichnungen. Sie werden einer uralten Schrift zugeordnet, der Tifinagh- und Ogham Schriftzeichen. Drei Wochen lang war ich in den Lago Maggiore Bergen auf den Spuren dieser alten Schrift. Und Abends zog mich die alte Römer Stadt Domodossola in ihren Bann. Bis spät in die Nacht saß ich auf der Fensterbank bei offenem Fenster und schrieb in meinem Reisetagebuch. Das alte Zentrum, in dem ich wohnte, und die römische Architektur, hat eine ganz besondere Ausstrahlung.
Sechs Jahre zuvor, auf meiner Expedition durch die Ost-Anden in Peru, bin ich dieser Architektur schon mal begegnet. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Welcome to Hebron-Hotel

Ich fuhr durch die Straßen der Stadt, die Luft war zum schneiden und der Asphalt kochte. Am Ende der Straße sah ich ein schimmerndes Haus. Ich hielt an und stieg aus. Mein Kopf wurde schwer, und meine Lust wurde schwach. Ich musste für den Tag aufhören. Da stand sie in der Tür. Ich hörte die Missionsglocke und ich dachte mir: „Das könnte der Himmel sein oder die Hölle“. Dann hat sie sich eine Zigarette angezündet, und sie zeigte mir den Weg. Es waren Stimmen zuhören und ich dachte ich hörte sie sagen: „Willkommen im Hebron-Hotel“. Das ist dein Platz wo die Träume leben. 🏡

Ich bin Tourist Guatemala 1985

Mit dem Nachtbus kam ich in die Stadt „San Christobal Alta Verapaz“.
Ich wollte mich nicht lange aufhalten, aber es gab nur den Nachtbus am Abend um weiter zukommen. Deshalb ging ich die ersten zwanzig Kilometer zu Fuß weiter. Ich war auf dem Weg nach Uspantán und Cunén, zwei Dörfer am Fuß der Sierra Cuchumatán.
Nach 4 Stunden Fußmarsch konnte ich ein Pickup anhalten, freundlicherweise nahm er mich mit bis Uspantán. Hier blieb ich zwei Tage. In einer Schreinerei bekam ich ein Zimmer angeboten, sie zimmerten Särge (eine lukrative Tätigkeit hier in dieser Gegend) und immer wenn ich in mein Zimmer wollte, mußte ich an diesen Särgen vorbei, alles sehr makaber.
Hier in Uspantán gab es ein kleiner Markt und Indios in farbenfrohen Gewändern.
Zwei Tage später fuhr ich per Anhalter nach Cunén. Von hier aus sind es noch 25km bis Nebaj und 47km bis Chajul, beides sind Centren der Guerilleros, sogenannte Hochburgen der Guerilla Kämpfer inmitten der Sierra Cuchumatán.
Hector, ein freundlicher Indio, hat mich eingeladen in seinem Haus ein paar Tage zu verweilen. Dankend nahm ich die Einladung an. Am Abend suchte ich mir was zu essen, und wieder bei Hector lauschte ich den nächtlichen mysteriösen Geräuschen.
Am nächsten Morgen frühstückte ich bei Hector, wie immer gab es Eier und Bohnen. Dann packte ich mein kleiner Rucksack und erkundete das Ort und die Gegend.
Als ich aus dem Ort heraus lief in Richtung Nebaj, bemerkte ich drei Männer mit Schnellfeuer Gewehre die mich im Abstand von 100 Meter verfolgten. Ich hatte Angst, wenn ich jetzt weiter gehe bin ich in der Wildnis der Sierra Cuchumatán, dann knallen die mich ab und verbuddeln mich und ich bin einer von den Toten des Guerilla Krieges. Ich tat das einzig richtige, ich drehte mich um und lief ihnen entgegen. Ich war ca. zehn Meter vor ihnen, dann positionierten sie sich vor mir, der eine auf der linken Seite, der andere auf der rechten Seite und der in der Mitte rief „Alto“. Alle drei hatten ihre Gewehre im Anschlag und ich dachte, „jetzt gehts los“. Ich blieb stehen.
Es war eine Privat Patrouille. Der Wortführer rief, „wer bist du, woher kommst du und wohin willst du“? Ich bin Tourist, bin auf der Durchreise nach Guate City, rief ich ihm zu! Hier gibt es keine Touristen, rief er zurück. Doch, sagte ich in einem kräftigen, energischen Ton, ich bin Tourist, ich bin hier! Langsam ging ich ein paar Schritte vor und unauffällig zückte ich mein Reisepass, den ich immer in diesen Gebieten griffbereit halte. Der Wortführer nahm ihn an sich und dann führten sie mich ab und gingen mit mir zur Militär Station.
Zwei Stunden hielten sie mich fest und verhörten mich. Sie fragten immer wieder welche Mission ich hätte und was ich hier mache?
Ich blieb hart und sagte immer wieder, „ich bin Tourist und bin hier auf der Durchreise nach Guate City“. Nach etlichen Telefonaten gaben sie mir mein Reisepass zurück und ließen mich frei.
Ich blieb noch einige Tage, schließlich war ich jetzt bekannt in Cunén als der „verrückte Gringo“.
Und später fuhr ich per Anhalter weiter Richtung San Pedro de Atitlán, und einem neuen Abenteuer entgegen.
Uspantán und Cunén habe ich gut in Erinnerung behalten….

Der bolivianische Hut und die gebrochene Feder. Bolivien/Argentinien 1987

„Der Staubkönig“

Über den Altiplano, über Potosi und Tarija, kam ich in das südliche Boliven. In Bermejo, eine Kleinstadt an der Grenze zu Argentinien, war es ruhig und dunkel, als ich am späten Abend in ein billiges Hotel eincheckte. Es war ein schäbiges Zimmer mit kaltem Neonlicht und genauso sah das Badezimmer aus. Die Dusche, das Waschbecken, unbeschreiblich. Ich drehte den Wasserhahn auf und eine dicke, ölige Brühe floss ins dreckige Waschbecken. Wiedermal, wie so oft, ein Abend ohne Duschen. So ist es eben, wenn man in klapprigen Bussen, oder als Staubkönig auf der Pritsche eines Lkw’s, auf abenteuerlichen Wegen durch Südamerika fährt. Meine Zähne putzte ich mit Bier, meine Klamotten schüttelte ich aus und in dem warmen Licht meiner Kerzenlampe schlief ich ein.
In der Gegend um Bermejo wird Erdöl gefördert. Shell, Esso, Texaco, alle sind hier vertreten.
Schon sehr früh stand ich am nächsten Morgen am Ufer des Rio Bermejo, der hier die natürliche Grenze zu Argentinien bildet. Ein kleines Boot brachte mich ans argentinische Ufer. Aber ein schnelles weiterkommen haben zwei Grenzbeamten erfolgreich verhindert. Ich mußte mein Rucksack auspacken. Sie suchten ganz gezielt nach Rauschgift. Neugierige standen um uns herum, denn ich war wieder mal der einzige Tourist auf diesem Schleichweg nach Argentinien.
Die Grenzbeamten wurden nicht fündig und so nahm ich ein Bus in Richtung Süden. Bananenfelder bis zum Horizont lagen rechts und links entlang der Straße. Der Himmel war tiefblau und zusammen mit den Schönwetterwolken gab es das schönste Bild in grün, blau und weiß.
Nach einer halben Stunde wurde der Bus durch ein Polizeiwagen gestoppt. Ein schwer bewaffneter Polizist stieg ein und entdeckte mich im hinteren Teil des Busses. Höflich hat er mich gebeten auszusteigen. Dem Busfahrer gab er einen energischen Befehl, das Gepäck dieses Gringos auszuhändigen.
Und wieder wurde ich gefilzt, wieder ging es um Rauschgift.
Eine halbe Stunde dauerte die Prozedur, dann konnte ich und der Bus endlich weiterfahren.
Nach ein paar Stunden und einem Umstieg in Embarcación, kam ich nach Metán. Hier blieb ich eine Woche, habe eine „Fiesta de los Gauchos“ miterleben dürfen und habe mich von den Strapazen der letzten Wochen erholt.
Metán ist eine Kleinstadt und das Tor zum „Gran Chaco“, einer riesigen Trockensteppe im Nordosten von Argentinien, das mein nächstes Reiseziel war. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Vom Schreiben über Vorgänge in direkter Nähe oder aus der Distanz vom Schreibtisch. Buenos Aires 1987

DAS LIED DER METRO

lichter im untergrund
geräusche monoton
das leben so kunterbunt
tangos erklingen im monophon

dichter bettler und halunken
indios mestizen aber auch weisse
die alten haben sich betrunken
die jungen gehen auf drogenreise

die menschen laufen durcheinander
drängeln sich zum zug der zeit
die alten leben mit palisander
die jungen sind zum sterben bereit

musiker stehen vor schmutzigen Kacheln
und spielen melancholische lieder
insekten fliegen mit giftigen stacheln
und die züge kommen im vierminuten takt
immer wieder immer wieder

im labyrinth der übergänge
den verbindungen zu den stationen
höre ich buddhistische gesänge
aus ganz anderen fremden regionen

taschendiebe sitzen auf treppenstufen
verstellen sich sind falsch und immer auf der lauer
die not hat sie dazu berufen
und mit der zeit werden sie immer schlauer

sie leben in den straßen
und kennen kein zuhaus
mit den zügen wollen sie davon rasen
doch am abend müssen sie hier raus

wenn es dunkel wird kommen finstere gestalten
und um mitternacht kommen die richter
solche die das licht ausschalten
das Lied der Metro hat viele gesichter

im grenzland zwischen hoffen und bangen
höre ich die melodie
ich glaube ich bin gefangen
und verloren in der macht der metromanie

© Walter Maul Photographie

Traumland „Gran Chaco“. Argentinien 1987

Ruf der Wildnis

Lateinamerika war und ist für mich wie eine schöne junge Frau die ruft „komm zu mir“, und ich bin diesem Ruf damals unwiderstehlich gefolgt, überall hin.
Ich war in Metán. In dieser Kleinstadt am Rande des Gran Chaco im nördlichen Argentinien, hatte ich mich von den wochenlangen Strapazen auf dem Altiplano in Bolivien erholt. Konnte wieder mal richtig duschen und meine Zähne mit Wasser, statt mit Bier, putzen.
Ich hatte

auch eine „Fiesta de los Gauchos“, mit Essen, Trinken, Tanz und Gesang miterleben dürfen. Und ich hatte den Rezitationen der Gauchos an diesem Abend gespannt zugehört.
Es war eine schöne Woche in der Pension „Jimenez“, in der „Calle Roque Sáenz Peña 261“, in der ich in dieser Zeit wohnte.
Es war Dienstag, der siebte April 1987.
Bevor der Wecker klingelte, wurde ich wach. Ich war neugierig und aufgeregt, auf meine Reise durch den Gran Chaco. Ich wollte meinen lang ersehnten Traum verwirklichen. Ich wollte mit dem Güterzug durch die 170.000 Quadratkilometer große Trockensteppe im Nordosten Argentiniens fahren.
Schon am Vortag hatte ich mir Proviant für 14 Tage besorgt und hatte mich von der liebenswürdigen Familie Jimenez verabschiedet. Hatte mich auch erkundigt, über die Abfahrtzeit eines Güterzugs in Richtung Resistencia. 750 km sind es bis in diese Stadt im Department Chaco. Ein freundlicher Bahnarbeiter sagte mir, dass ein Zug Morgen, so zwischen vier und sechs Uhr morgens abfährt, einen genauen Zeitplan gäbe es nicht. Ich dachte an das Wort „Mañana“. Mañana heißt morgen, kann aber auch übermorgen oder erst nächste Woche sein. In Lateinamerika nimmt man das nicht so genau.
Ich packte meinen Rucksack, verließ das „Casa Familia“ so gegen halb vier Uhr morgens und lief zum Bahnhof.
Da war schon reges treiben. Waggons wurden hin und her geschoben, abgehängt und angehängt.
Ich lief gerade auf den Gleisen entlang, da hatten mir zwei Bahnarbeiter zugerufen: „Pass auf Gringo, da kommt ein Zug“! Ich sprang zur Seite und dachte: Verdammt, hätten die zwei mich nicht gewarnt, der hätte mich glatt überrollt und das war mein Zug.
Als er zum stehen kam, kletterte ich auf die Plattform eines Waggons und machte es mir gemütlich. Ich Frühstückte und wartete auf die Abfahrt.
Mit dem Güterzug fahren war in Argentinien nicht erlaubt, aber es war auch nicht ausdrücklich verboten und es war umsonst. Es gab kein Fahrschein, keine Garantie für Abfahrt- oder Ankunftszeit. Sozusagen alles auf eigene Gefahr.
Es war noch dunkel, als sich der Zug in Bewegung setzte. Ich hörte das Eisen knirschen der schweren Räder auf den Schienen. Es war eine Respekt einflößende Musik in meinen Ohren. Und als diese Tropische Nacht zu Ende ging, sah ich in die wilde Landschaft des Gran Chaco.
Ich hatte es wirklich geschafft.
Ich saß oben, wie auf einem Logenplatz und Lateinamerika fuhr an mir vorbei.
Ich muss immer an die Worte denken: „Träume nicht dein Leben sondern lebe deinen Traum“, und ich hatte diesen Traum gelebt.
Nach sieben Stunden kam der Güterzug in eine Kleinstadt namens „Joaquín Víctor González“.
Hier hatte mein Traum ein jähes Ende gefunden. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. ✒️