EXPEDITION YARO

Peru 1989

Teil 22

„Ruinen im Regen“

Luana stand auf dem Hügel, hatte sich eine Blüte der Engelstrompete in ihr Haar gesteckt und versuchte die dunklen Wolken zurück zu pusten. Es war ein seltsames Schauspiel, das ich schon mal im Urubambatal gesehen hatte. Es ist ein Regen-Ritual das manchmal funktionierte, aber nicht hier und nicht heute.
Wir waren mit unseren Pferden unterwegs zum „Cerro Celmin“. Der schmale Pfad zwischen den Sträuchern der Engelstrompete, hinauf auf die baumlosen Hügeln in 3900 Meter Höhe, ließ nur ein Schritttempo der Pferde zu. Die östliche Cordillere war schon wolkenverhangen und das Wetter kam immer näher.
Luana rief von dem Hügel herunter:
„Die Ruinen liegen schon im Regen, ich kenne ein Corral mit einem Unterstand hier in der Nähe, da bleiben wir bis die Wolken durch sind!“
Luana stieg wieder auf ihren halbwilden Hengst und als der schmale Weg zu Ende war, preschten wir mit unseren Pferden über die Hochebene. In zehn Minuten hatten wir den verlassenen Corral erreicht, noch rechtzeitig, bevor der große Regen kam. Die Wolken legten sich über das Hochland und tauchten sie in ein diffuses Licht. Wir führten unsere Pferde in den Unterstand und banden sie an kurze Seile fest. Wir nahmen die Wolldecken und verkrochen uns in die aus Bruchsteinen gebaute Höhle.
Diese Bruchsteine stammen  aus einer zerfallenen Ruine der Yarowilka. Die nichtwissenden Campesinos bauten daraus einen Schutzraum für Tier und Mensch. Der Boden in der Höhle war mit getrocknetem Ichú-Gras ausgekleidet, das mit unseren Wolldecken eine gute Isolierung gegen Kälte und Nässe war.
Blitze flackerten durch die Luft, das Wetter war direkt über uns. Der Wind peitschte das Wasser über unseren Unterstand. Es war kein Regen mehr, es war einfach nur Wasser von oben, von der Seite, von überall. Schnell verschloss ich den Eingang mit meinem roten Regenponcho und befestigte ihn mit Steinen. Die Kapuze war unser Guckloch, so konnten wir unsere Pferde gut sehen. Sie standen ruhig an der Mauer, dieses Schauspiel der Regenzeit, das meistens eins bis zwei Stunden lang dauert, waren sie gewohnt.
Durch unsere Körperwärme wurde es schnell angenehm in unserem engen Schutzraum.
Luana zog aus ihrem Rucksack eine Plastikflasche mit kaltem, gesüßtem Kräuter Tee und sagte:
Trinke bitte!, „in dieser Höhe muss man viel trinken!“
Wir tranken die Flasche leer und draußen tobte die Natur.
Die Blitze erzeugten durch meinen Regenponcho ein rotes, flackerndes Licht in unserem intimen Loch.
Luana umklammerte mich, nicht aus Angst. Sie war hungrig auf Liebe, Sex und Zärtlichkeit, es war ihre unbändige Lust auf einen fremden Körper, auf fremde Haut.
»Eine gute Gelegenheit meine Forschungsreise in Luanas erotische Seele fortzusetzen«, dachte ich.
Der Tee berauschte unsere Sinne, die Kräutermischung hatte sie gut abgestimmt. Immer wenn es blitzte, sah ich ihr Gesicht mit den roten Spiralen. Eine Sinnestäuschung, die mich dermaßen erregte, dass meine Hose zu eng wurde.
Langsam fingen wir an uns gegenseitig auszuziehen.
Sie stammelte leise in mein Ohr:
Die Geister haben dich zu mir geschickt, du bist gekommen, um meine Lust zu stillen.
Sie drückte mich auf den weichen Boden. Ich spürte dieses warme und feuchte Gefühl der Ausgefülltheit. Durch die roten Blitze sah ich einen erregten Schatten über mir, der sich immer heftiger bewegte, ein Schatten in Trance, in Ekstase. Immer wieder sah ich rote Spiralen, die auf mich zu kamen. Luana und ich waren in einer Phase der Hingabe, eines trieblichen Phänomens. Draußen tobte das Wasser der Natur und in unserer erotischen Enge, dieses berauschende „nah sein“, ergoss sich unser Liebessaft der Leidenschaft. Unsere blitzenden, roten Schatten zuckten und zitterten und das Luststöhnen verlor sich im grollenden Donner der Regenzeit.
Diese Szenen der Lust wiederholte sich dreimal.
Nach fast zwei Stunden, krochen wir aus unserem intimen Untergrund. Die Tiere hatten das Wetterspiel gut überstanden.
Als wir wieder klar denken konnten, stiegen wir auf unsere Pferde und ritten im Schritttempo weiter über das Hochland. Der Regen hatte sich hinter die Berge verzogen und die Sonne blinzelte zwischen den greifbaren, dunkelweißen Wolken hervor. Wir waren dem Himmel so nah.
Luana rief plötzlich:
„Da sind sie, die Ruinen vom Cerro Celmin!“
Zwischen Wolkenfetzen konnten wir sie deutlich sehen. Wir kamen diesem seltsamen Gebilde immer näher, das  in der baumlosen Landschaft in 4000 Meter Höhe wie eine abgestellte Eisenbahn aussieht. Es sind 21 aus Bruchsteinen errichtete Würfel, die alle um die zwei Meter hoch sind. An dem einen Ende steht ein kleiner, verfallener Wachtturm, das von weitem aussieht, als wäre es eine Lokomotive.
Wir stiegen von unseren Pferden ab, banden sie an Steinen fest und gingen um die Behälter herum, die  oben offen sind. Die Seitenlängen der Kästen, die schnurgerade am Bergsattel stehen, beträgt etwa dreieinhalb Meter.
Es war ein altes Lebensmittellager der Yarowilka, das damals gut bewacht wurde. Hier in diesen etwa 24 Kubikmetern großen Behältern, die eine seitliche Öffnung für die Luftzirkulation haben, lagerten die Yaros Tonnen von Lebensmittel; Kartoffeln, Korn und Mais.
Luana zog mich zwischen zwei Behälter, küsste mich leidenschaftlich und flüsterte mir ins Ohr:
„Bleib ruhig stehen,“ weiter unten habe ich zwei Männer gesehen, aber ich glaube es sind Campesinos, sie haben Macheten am Gürtel hängen. Ich spürte ihren angespannten, unersättlichen Körper, ihren erregten Herzschlag und wollte nicht wahrhaben, dass diese erotische Situation   gestört wird. Ich schaute um die Ecke, es waren zwei Bauern beim abschlagen des Ichú-Gras, das sie zum Hausbau benötigten. Sie gingen vorbei ohne uns zu beachten.
Luana lehnte sich gegen die Mauer und umklammerte mich. Wir küssten uns zärtlich, dann sagte sie zaghaft:
„Du Walter, wir müssen zurück, es ist schon spät!“ Wir reiten direkt zu mir nach Hause und lassen die Pferde bei uns, morgen brauchen wir sie wieder.
„Und dein Mann?“, fragte ich verwundert, er kommt doch heute Abend aus Huánuco zurück;
„Ach ja, mein Mann?“, entgegnete sie;
„Der lässt mir, seit seinen Eskapaden in der Schweiz, sehr viele Freiheiten!“ Wenn ich ihm sage, dass ich dich begleite, ist das schon in Ordnung!
„Na gut, dann aber los!“, sagte ich.
Wir stiegen auf die Pferde und preschten über das Hochland in Richtung Tantamayo. Über eine Stunde dauerte der Ritt bis zur Hängebrücke.
Ich sagte zu Luana:
„Wie gut dass wir die Pferde genommen haben!“, zu Fuß hätten wir mehr als drei Stunden gebraucht, und mit dem Wetter heute;
„Das meinte ich doch!“, entgegnete sie, ohne die Pferde, das hätten wir nie geschafft!
Im Schritttempo ritten wir durch das Dorf und an Luanas Haus, meiner Unterkunft, stiegen wir ab. Ich öffnete das Hoftor. Die Pferde passten gerade so durch. Rudi, der Hahn, rannte aufgeregt durch den Hof und sein Gefolge hinterher, als sie die großen Tiere bemerkten.
Ihr Mann kam aus einer Tür heraus und direkt auf mich zu. Luana hatte ihn abgefangen, sie redeten sehr heftig in Quechúa, das ich, außer den Wörtern „Don Pedro“, nicht verstand, dann kam er zu mir und lächelte;
„Hallo, Don Waltero, wie geht es ihnen?“, wie war ihr Tag?“, fragte er sehr freundlich.
»Don Pedro musste einen großen Einfluss haben, auf ihn und überhaupt in der ganzen Region«
„Oh ja Señor Ortéga, der Tag war sehr schön und anstrengend!“, sagte ich lächelnd.
„Und was war mit dem Bürgermeister?“, fragte ich.
„Ja, der Bürgermeister, erwiderte er, man hatte ihn vorletzte Nacht erschossen, eine schlimme Sache!“
»Ich hätte ihm sagen können, dass ich fast daneben stand, als der Bürgermeister erschossen wurde, aber auch er wusste nichts von meinem nächtlichen Ausflug und so behielt ich alles für mich«
Señor Ortéga räusperte sich, rückte sein Hut zu recht und sagte:
„Machen sie sich frisch; Don Waltero, meine Gemahlin  ‚Frau Sánchez‘ bringt ihnen später was zu Essen, ich kümmere mich derweil um die Pferde!“.
In der Zwischenzeit wurde es dunkel. Ich brachte meinen kleinen Rucksack in mein Zimmer und ging im Laternenlicht an den Waschtrog. Luana kam schnell hinter mir her und sagte:
„Ich mache dir gleich was zu Essen, er hat Nudel und Fleisch gekocht, du kannst in der Küche essen!“.
Ja gerne, erwiderte ich!
Du, sag mal, fragte ich, warum nennt er dich ‚Frau Sánchez‘?
„Oh, das ist mein Mädchenname, „Luana Ortéga Sánchez“, ich habe ihn behalten, ich bestand drauf!“, entgegnete sie.
Sie streichelte über mein Hintern und flüsterte:
Bis gleich „Liebster Gringo“, lächelte und verschwand in die Küche.
»Die Frau und ihre erotische Seele machten mich wahnsinnig und ich war gespannt, was alles noch passiert in dieser wunderschönen, rätselhaften Abgeschiedenheit, weit weg von allem«
Rudi und sein Harem hatten sich beruhigt, flatterten im Hühnerstall umher und die Meerschweinchen kuschelten in ihrer Ecke. Eins war sehr neugierig und beobachtete mich, als ich
etwas später zu Luana in die Küche ging. Ich saß am Feuer und genoss das zarte Fleisch, das ein Hasenähnlichen Geschmack hatte.
„Was ist das für ein köstliches Fleisch?“, fragte ich neugierig.
„Das ist ein ‚Quwi‘, ein Meerschweinchen, eine Spezialität hier bei uns in den Anden!“, entgegnete Luana. Sie saß am Feuer, schürte in den getrockneten Kuhfladen und legte ein Stück Holz nach.
Ich schaute sie erstaunt an und dachte; »oh, nichts für zarte Seelen, es war das gleiche delikate Fleisch, das ich zwei Jahre vorher auf einer Zugfahrt von Cuzco nach Machu Picchu ‚Nichtwissend‘ gegessen hatte«
Die Flammen des Feuers spiegelten sich in ihren erotischen Augen. Dann sagte sie:
„Mir tut der Rücken so weh und mein Hintern vom Sattel, komm nach dem Essen zu mir in mein Zimmer auf ein Tee, ich brauche eine Massage!“.
„Natürlich komme ich!“, erwiderte ich und folgte später ihrem erotischen Lockruf.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte.

EXPEDITION YARO

EXPEDITION YARO
Peru 1989
Teil 17

„Erotische Eskapaden“

Die getrockneten Kuhfladen knisterten im Feuer und die Hütte wurde schnell warm. Luana legte unsere Klamotten zum trocknen auf die Steine neben das Feuer. Wir waren nackt.
Draußen prasselte der nächste Regenschauer auf das Ichú-Gras Dach und der Wind peitschte über die Steinmauern. Ich hatte nie gedacht, dass ein Naturdach aus Gras, so dicht sein kann.
Luana reichte mir ein Fladenbrot mit Käse und  gesüßten Koka Tee.
Komm, setz dich auf die Decke! Sagte sie.
Das Feuer spiegelte sich in ihren Augen und auf ihrer Haut. Die Alpaka-Wolle ist viel rauer als Lama-Wolle und massierte mein Hinterteil mit kleinen Nadelstichen. Luana setzte sich neben mich und meinte:
Später müssen wir noch die Kühe melken!
Kühe melken, ich habe noch nie eine Kuh gemolken! Sagte ich und grinste sie an.
Keine Sorge, meinte sie, ich zeige dir wie das geht und griff in mein Schritt. Ohhh! Rief sie und lachte, die Euter der Kühe sind aber viel kleiner und weicher, du wirst sehen, es ist ganz einfach. Ihre weißen Zähne leuchteten im Schein der Flamme. Sie stand auf, legte ein paar trockene Kuhfladen ins Feuer und setzte sich rückwärts auf mein Schoß.
Ich umklammerte sie, küsste zärtlich ihren Rücken und massierte ihre erogenen Zonen. Sie griff nach unten, stimulierte gleichzeitig ihre Lustzentrale und passte auf, damit nichts rausrutschen konnte. Der Wind säuselte die Geilheit durch die Hütte, der Regen spielte uns ein Liebeslied und wir schaukelten uns in eine Ekstase der  Leidenschaft . Oh mein Gott, dachte ich, die Reise durch ihre erotische Seele von Höhepunkt zu Höhepunkt ist so aufregend, geil und wird nie enden.
Die Begierde ließ uns die Kühe und die Zeit vergessen. Ab und zu stockte ihr Atem und entkrampfte sich in ein stilles stöhnen. Wir verfielen in ein Taumel der Lust. Wenn das Feuer drohte auszugehen, löste sie sich von mir, legte das trockene Zeug nach, streute ein paar Kokablätter darüber und kam wieder zu mir. Die Stimmung hatte sie angeheizt und das erotische Spiel fing von vorne an. Sie hatte das unglaubliche Talent mich immer wieder hochzubringen und standhaft zu bleiben. Oder war es vielleicht die Wirkung des Tees? Durch die Süsse habe ich die Stärke nicht wahrgenommen. Oder hatte sie uns noch was anderes untergemischt. Die Blätter im Feuer taten das übrige. Wir flogen durch die traumhafte Glückseligkeit der Zeit.
Erst am späten Nachmittag gingen wir zu den Kühen.
Wegen dem Regen hatten sie sich in ein Unterstand aus Wellblech gestellt.
Gute Gelegenheit, meinte Luana, so müssen wir die Rinder nicht  zusammen treiben. Sie gab mir den zweiten Hocker und sagte:
Komm setz dich da hin und fang an, du weißt ja wie das geht, ich habe es dir paar mal gezeigt heute Mittag.
Luana war die beste Lehrerin in dieser Sache.
Ich saß neben der Kuh, griff zum Euter und die Milch spritzte in den Eimer.
Plötzlich sprang Luana auf, rannte in die Hütte, kam mit einer Wolldecke zurück und legte sie um mich wie ein Poncho. Sei still und mach weiter, flüsterte sie. Da kommen drei Männer, ich werde mal vorgehen und versuche sie aufzuhalten. Luana ging den dreien entgegen. Zwischen Hut und Decke blickte ich rüber und beobachtete die Szene. Es waren die Männer, vor denen ich mich in Piruro versteckt hatte. Sie hatten ihre Gewehre im Anschlag, aber nach unten gerichtet.
Angespannt melkte ich die Kuh weiter. Ich hörte eine heftige Diskussion. Sie sprachen Quechúa und nach Luanas Gestik, ging es wohl um mich. In gebückter Haltung unter der Wolldecke, versteckte ich mein Aussehen, aber die Tiere spürten meine innere Anspannung und bewegten sich etwas. Jetzt bloß nicht ausbrechen, dachte ich, streichelte den Bauch meiner Kuh und rief leise „hoooo hoooo“. Die Gruppe beruhigte sich wieder und Luana kam zurück.
Und was war? Fragte ich ängstlich.
Es waren Senderos auf einem Kontrollgang, ich habe gesagt, dass du mein Knecht bist und mir hilfst die Kühe zu melken.
Ja, ich war Luanas Knecht, ich tat was sie verlangte.
Und sie erzählte weiter:
Die Terroristen haben unser Dorf untergraben, viele wurden Anhänger der Senderos und hofften auf ein besseres Leben. Stattdessen gab es, Entführungen, Vergewaltigungen und es wird getötet, sowie der Bürgermeister letzte Nacht.
Ihr Blick war traurig und machte mich sprachlos.
Komm lass uns weitermachen, dass wir fertig werden, sagte sie, es wird bald dunkel und in der Nacht sollte man nicht mehr auf der Straße sein.
Schnell hatten wir die Rinder durchgemolken und gingen mit den zwei Eimer voll Milch zurück nach Tantamayo. Es dämmerte schon, als wir durch das Hoftor gingen. Rudi der Hahn hatte gerade ein Huhn vergewaltigt, das danach flatternd durch den Hof rannte. Rudi hetzte hinter ihm her, blieb dann vor mir erschrocken stehen, sah mich an und äh äh ähh äähhhtsch.
Oh Rudi, du geiler Gockel, was du für Sachen machst, sagte ich. Luana lachte, ich glaube er versteht dich. Du hast Talent mit den Tieren zu reden. Ich habe gesehen, wie du die Rinder beruhigt hast. Du bist ein Brujo, ein Zauberer. Du verzauberst die Tiere und du hast mich verzaubert. Nein nein, sagte ich, ich habe dich nicht verzaubert, unsere Leidenschaft hat uns zusammen geführt, sagen wir mal, es war göttliche Vorsehung. Mit ihren tiefbraunen, erotischen Augen sah sie mich an, küsste mich und meinte:
Mach dich frisch, ich komme später zu dir und bringe dir was zu essen.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte

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Peru 1989
Teil 15

„EIN VOLK DER BERGE“

Die Nacht war kurz. Ich hatte mir einen leichten Schlaf angewöhnt und durch Geräusche, irgendwelche Bewegungen von draußen, wurde ich wach. Es war kein schöner Albtraum, es war auch nicht Rudi, der geile Gockel, ich hatte dem Hahn am Abend einen Namen gegeben, er weckte mich nicht mit seinem fürchterlichen gekrähe. Es war zwei Uhr. Rudi schlief noch. Es waren Geräusche, die nur von Menschen sein konnten. Leises, fremdes Gemurmel. Dumpfe
Schritte.
Ich zog mich an und öffnete leise die Tür. Im Hof war alles ruhig, meine Gastgeberfamilie schlief noch. Ich trat langsam ins Freie. Es war Vollmond und die Sterne funkelten durch ein Loch in den Wolken. Das Kreuz des Südens war deutlich zu sehen, ein Sternbild, das hier oben besonders stark leuchtet. Die Geräusche kamen von der Strasse. Langsam und verhalten ging ich weiter zum Hoftor und schaute durch eine Ritze. Dunkle Gestalten bewegten sich zwei Meter entfernt an mir vorbei. Sie bemerkten mich nicht hinter dem Tor. Schemenhaft konnte ich ihre Waffen erkennen. Es waren Terroristen, ein bewaffneter Trupp des Sendero Luminoso. In den Nächten waren sie immer sehr aktiv. Wie Tiere schlichen sie durch das Dorf. Meine Gedanken ratterten durch mein Kopf.
Was geht hier ab?
Wohin gehen sie?
Was haben sie vor?
Fragen, die mich neugierig machten.
Als die letzten an mir vorbei waren, kletterte ich über das Tor und folgte ihnen vorsichtig. Das Mondlicht zeichnete meinen dunklen Schatten auf den Lehmboden.
Es war „Jack“ mein Schutzengel. Geduckt an der Seite des Weges schaute ich mich immer wieder um. Es könnte ja sein, dass noch ein paar Terroristen nachkommen und mich entdeckten.
Es waren etwa sechs oder sieben Mann, die in ein großes Haus eindrangen. Lichtstrahlen von Taschenlampen flackerten umher. Es war ein großer Tumult zuhören.
Stimmen. Schreie. Dann ein Schuss. Stille.
Schnell lief ich zurück und   kletterte wieder über das Tor. Es war noch alles ruhig, bis auf ein wenig geflatter aus dem Hühnerstall. Rudi regte sich und ich legte mich zurück in mein Schlafsack.
Heute morgen sah ich sie das erste Mal, die Frau des Hausherrn. Sie brachte mir das Frühstück an den Tisch.
Buenos Días Señor, como estuvo su noche, dormienta  bien? Fragte sie mich.
(Wie war ihre Nacht, schliefen sie gut?)
Die Frau war hübsch, eine reinrassige Quechúa Indigena und sie war jung.
Sie hatte ihre langen schwarzen Haare zu zwei Zöpfen geflochten. Ihre schwarzbraunen Augen leuchteten wie zwei Diademe. Ihre Stupsnase, die schmalen Lippen, die hochliegenden Backenknochen, gezeichnet auf tiefbrauner Haut.
Die Quechúa sind, wie damals die Inka und die Yarowilka, ein Volk der Berge. Ich fing an zu schmelzen.
Ein Löffel viel runter. Schnell stand ich vom Stuhl auf, bückte mich zu dem Löffel und hob ihn vom Lehmboden auf.
Disculpe Señor! Sagte sie und ging ein Schritt zurück.
Todos esta bien! Sagte ich lächelnd, wischte mit meinen Fingern über den Löffel und blickte zu ihr.
Sie trug ein formloses, rotes Kleid mit langen Ärmel und zugeknöpft bis zum Hals. Unter dem Stoff verbargen sich Reize, erotische Rundungen, die ich nur erahnen konnte. Sie bemerkte mein Blick, dass ich sie musterte, ja förmlich mit meinen Augen ihr Kleid aufknöpfte.
Und es gefiel ihr. Sie drehte sich etwas zur Seite, so dass sich der zoom meiner Augen auf ihren Busen richtete. Ihre geilen Rundungen mit den scharfen Spitzen brauchten keine Unterstützung.
Con permiso Señor! Sagte sie lächelnd verlegen und ging zurück in die Küche.
Rudi, der Hahn, stand vor mir und sah mir beim frühstücken zu.
Halt du dein Schnabel, ich weiß, die Morgengeilheit ist eine schöne Sache! Sagte ich. Die Hühner hinter ihm gackerten und pickten Grünzeug auf. Rudi drehte sich um und, äh äh ähh äähhhtsch.
Blöder Hahn! Rief ich.
Die schöne Señora kam aus der Küche.
Con quién estás hablando, Señor?
(Mit wem reden sie?)
Ich deutete mit meinem Finger auf den Hahn.
Ihr herzhaftes, liebliches Lachen höre ich heute noch in meinen Träumen.
Dónde está el Señor Ocaña?
Fragte ich sie.
(wo ist ihr Mann?)
Oh, mein Mann ist heute morgen ganz früh nach Huánuco gefahren, er muss was erledigen, er wird erst morgen wieder zurück sein, erzählte sie mir.
Mir war aufgefallen, dass sie drei Knöpfe ihres Kleides geöffnet hatte und gab jetzt den Blick frei auf ihre erotische Seele. Ein geiler Blick.
Ima su tiki? Fragte ich sie direkt.
(wie ist ihr Name?)
Oh, sie sprechen unsere Sprache? Fragte sie und setzte sich zu mir.
Naja, ein paar Wörter, sagte ich verlegen.
Und sie antwortete:
Ima su tikuni „Luana“!
(ich heiße „Luana“!)
Was machen sie hier eigentlich?
Wohin wollen sie?
Woher kommen sie?
Ich hatte es geschafft. Ich hatte ihre Neugier geweckt.
Ich bin hier, weil ich die Kultur der Yarowilka kennen lernen will und die Menschen, die hier leben. Ich war gestern in Piruro. Und heute will ich zu dem seltsamen Gebilde oben auf dem Berghang. Ich habe es von Piruro aus deutlich gesehen. Es sieht aus wie eine Eisenbahn. Ich erzählte ihr von dem gestrigen Tag, von der Galerie des Todes, von den bewaffneten Terroristen und von den Hunden im Nebel. Sie sah mich an.
Und von wo sind sie?
Und wie ist ihr Name?
Fragte sie mich noch mal.
Ich heiße Walter und komme aus Deutschland!
Sagte ich und bot ihr gleichzeitig das „Du“ an.
Ach ja, schau an! Meinte sie, ich habe ein Schwager der in der Schweiz lebt!
Ja, ich weiß, ihr Mann hat es mir erzählt, erwiderte ich.
Walter, sagte sie Sorgenvoll und nahm zärtlich meine Hand, du mußt sehr vorsichtig sein, als Fremder in unserer Region. Vor allem im dunkeln ist es hier sehr gefährlich. Heute Nacht ist der Bürgermeister von Terroristen erschossen worden.
Sie wusste nichts von meinem nächtlichen Ausflug. Ich hätte ihr erzählen können, dass ich fast daneben stand als er erschossen wurde. Stattdessen genoss ich ihre Sorge um mich und ihre zarten Hände. Sie ließ meine Hand nicht los und erzählte weiter:
Mein Mann und ein Bekannter nahmen den Jeep und bringen die Leiche des Bürgermeisters nach Huánuco zur Polizei.
Sie schaute mir tief in die Augen und sagte:
Wenn du willst kannst du mich ein Stück begleiten, ich gehe heute Morgen zu den Kühen Milch holen, es liegt auf dem Weg zum „Cerro Celmin“, das ist da wo du hin willst.
In ihren schwarzbraunen Augen sah ich das indianische Feuer brennen, ein gefährliches, heißes Verlangen nach Sex.
Und sie spürte wohl meine Erregung, meine leidenschaftliche Sucht nach Abenteuer und Erotik.
Oh ja Luana, sehr gerne!
Sagte ich und lächelte sie an.
Sie ließ meine Hand wieder los und meinte:
Dann wollen wir uns mal fertig machen, nahm das Geschirr und stellte es in den Waschtrog.
In 20 Minuten gehen wir los, rief sie mir zu und verschwand in der Küche.
Mein kleiner Rucksack war noch gepackt von gestern. Er ist meine kleine Lebensversicherung. Ich zog meine Stiefel an und war eigentlich schon fertig. Ich wartete im Hof auf Luana. Rudi, der geile Hahn, stolzierte um mich herum. Seine Hühner folgten ihm auf Schritt und Tritt und pickten Grünzeug vom Lehmboden. Rudi blieb vor mir stehen und sah mich an.
Sei du nur ruhig! Raunte ich ihm zu. Du und ich, wir haben etwas gemeinsam und wir wissen was wir wollen. Er drehte sich um und, äh äh ähh äähhhtsch.
Naaa, redest du wieder mit den Hühnern! Luana stand hinter mir und lachte. Ich drehte mich um und traute meinen Augen nicht. Ich war sogar etwas erschrocken. Ich sah ihre rote Bluse mit den offenen Knöpfen. Der Ansatz ihrer geilen Rundungen zogen meine Blicke magisch an. Sie hatte Jeans an, die ihre Figur betonte. Und  Wanderschuhe.
Ich sah ihr in die Augen.
Sie spürte meine angeregte Verwunderung.
Die Sachen hatte ich mir mal aus der Schweiz mitgebracht! Sagte sie verlegen.
Que bonita, que guapa eres tu! Sagte ich leise zu ihr.
(wie schön du bist)
Vámonos Gringo? Sagte sie.
Und ich:
Si vámonos guapa!
Die Sonne hatte schon sehr früh das Tal erwärmt und es sah aus, als gäbe es ein schöner, regenfreier Tag. Aber das Wetter in der Regenzeit ist unberechenbar.
Wir gingen durch das Dorf. Tantamayo hatte damals keine 300 Einwohner.
Es sah geisterhaft aus, wie verlassen. Vielleicht war es so, wegen den nächtlichen Aktivitäten der Terroristen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzten.
Das Haus des Bürgermeisters, ein trauriger Anblick.
Ich ging Luana hinterher. Sie trug einen blauen Rucksack mit einer kleinen Schweizer Flagge hinten drauf. Ein heimisches Gefühl kam in mir auf. Luana sah aus wie eine „Gringita“, eine Fremde.
Die zwei Plastikeimer, die sie dabei hatte, ihre schwarzen Haare, die sie jetzt offen trug, die tiefbraune Haut und ihr Gesicht verrieten ihre Herkunft.
Wir stiegen zum Rio Tantamayo hinunter und
mitten auf der Hängebrücke blieb sie stehen. Schau mal da, rief sie mir zu, die kleine Sandbank am Fluss. Ich brauche eine Abkühlung, hast du Lust?
Wir sahen uns in die Augen. Ich sah wieder dieses indianische Feuer, dieses verlangen nach tabulosem Fremdem. Dieser Morgengeilheit konnte ich nicht widerstehen.
Ja klar habe ich Lust! Rief ich ihr zu. Unsere Stimmen übertönte das Rauschen des Flusses.
Gut, vámonos! Rief sie.
Und so kletterte ich mit Luana die Felsen hinunter zur kleinen Sandbank.

Aber das ist schon wieder die nächste Geschichte

EXPEDITION YARO

Peru 1989
Teil 14

„GEFAHR IM NEBEL“

Es gibt gefährliche Situationen, in denen man große Angst hat. Angst um sein Leben, oder Angst, um etwas zu verlieren, was man liebt. Es gibt krankhafte Angst, die einem lähmt und es gibt die gesunde Angst, die, in der man vorsichtig wird und sehr aufmerksam auf die Dinge um sich herum.
Die Gefahr war mein ständiger Begleiter.
Ich hatte mich noch ein wenig mit dem kleinen Jungen unterhalten, der auf dem Felsen saß und in Piruro Nr.I seine Schafe hütete, bevor ich nach Tantamayo abstieg.
Er erzählte mir, dass er in
Coyllarbamba, einer kleinen Siedlung im Tantamayotal, zu Hause ist und dass er oft auch hier oben in den Ruinen bei seinen Schafen übernachtet. Auf die Frage, wie alt er ist, hat er mir seine zehn Finger entgegen gestreckt.
Ich hatte an die Kinder bei uns zu Hause denken müssen:
Morgens haben sie ein gesundes Frühstück, dann werden sie von der Mama in die Schule gefahren. Sie haben ein Pausenbrot dabei, oder sie werden in der Schule verköstigt. Nach dem Unterricht werden sie von der Mama abgeholt, bekommen ein gesundes Mittagessen. Dann Hausaufgaben und danach Spielen oder Fernsehen. Später gibt es noch ein Abendessen und in der Nacht ein gemütliches, warmes Bett.
Welch ein Kontrast, dachte ich.
Ich hatte, aus Interesse, in die Ruine geschaut. In einer Nische sah ich ein paar Decken aus der robusten Alpaka-Wolle. In der Nacht kann es hier oben, in knapp 4000 Meter Höhe, fürchterlich kalt werden. Nicht selten fällt die Temperatur auf diesen wolkennahen Felskämmen weit unter den Gefrierpunkt. Ich sah noch ein Kanister mit Wasser, zwei Kerzen und Streichhölzer und einen kleinen Stoffbeutel. Ich hatte ihn aus Neugier geöffnet, es waren Koka-Blätter. Schon im Kindesalter kauen die Indigenas Koka-Blätter, ihre Substanz unterdrückt Hunger und Kälte.
Und da der Junge lächelte und eigentlich glücklich aussah, wollte ich nicht länger darüber nachdenken, sonst hätte mich Wut und Traurigkeit überfallen.
Und wie heißt du? Fragte ich den kleinen Jungen weiter.
Gustavo! Sagte er und hat sich mit seiner kleinen Hand über den dreckigen Mund gewischt.
Gustavo, hast du die vier Männer gesehen? Fragte ich.
Ja, die haben heute Nacht hier geschlafen und die kommen auch wieder, die sind schon die ganze Woche hier! Sagte er und lächelte wieder.
Sind das Militär Soldaten?
Wollte ich von ihm wissen.
Nein, das ist kein Militär, die passen nur auf wenn jemand vorbeikommt! Erwiderte er.
Aahh, das ist Polizei? Fragte ich neugierig weiter und lächelte ihn an.
No es policía! Seine Stimme klang traurig.
Ich hörte auf zu lächeln und ich hörte auch auf zu fragen.
Ich hatte Gewißheit. Ich war auf ein Lager der Sendero Luminoso gestoßen. Piruro Nr.I hatten die Terroristen als Kontrollpunkt eingerichtet. Ganz schön raffiniert, dachte ich. Schon die Yarowilka hatten von hier aus alles unter Kontrolle und konnten weit in das Land schauen. Sie hatten ihre Städte in Sichtweite errichtet und konnten, wenn Gefahr drohte, ein akustisches oder sichtbares Signal geben.
Mich schauderte es und meine Gedanken überschlugen sich.
Schon kurz vor meiner Abreise zu Hause war mir ja klar, auf welches Abenteuer ich mich einließ. Ich war nicht nur auf einer „Reise in die Vorinkazeit“, ich war auch, wenn auch nicht ganz unfreiwillig, „Auf den Spuren des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfad“ unterwegs gewesen.
Dunkle Wolken zogen wieder aus dem Marañóntal herüber. Schnell verabschiedete ich mich von Gustavo, tätschelte seine Schulter.
Vaya con Dios Chico, machs gut kleiner. Er lächelte mir nach und ich stieg ab in Richtung Tantamayo.
Die Wolken zogen schnell herüber und verwandelten
Piruro Nr.II, die „Galerie des Todes“ in eine gespenstige Szenerie. In meiner Phantasie sah ich wieder die Mumien der verstorbenen Könige in den Nischen. Schnell ging ich vorbei. Die Sonne schaffte es immer wieder kurz durch eine Wolkenlücke zu blinzeln und malte mein Schatten in die helle Nebelwand. War es ein göttliches Zeichen? War es vielleicht „Jack“ mein Schutzengel?
Irgendwie hatte ich im Nebel einen anderen Weg
eingeschlagen, denn an Piruro Nr.III, dem verfallenen Wohnviertel der Yarowilka, kam ich nicht mehr vorbei. Plötzlich standen sie vor mir. Wie aus dem Nichts, kamen sie aus dem Nebel heraus und fletschten ihre Zähne. Es waren drei große Hunde. Ihr beigeweißes Fell zerschmolz mit der Farbe des Nebels. Ich konnte in ihnen keine wirkliche Rasse erkennen. Es waren keine Kampfhunde, es war irgendeine südamerikanische Plaza Mischung, sahen übel aus. Sie bellten lautstark und versuchten ihr Territorium zu behaupten. Ich war nicht ängstlich, aber ich war vorsichtig, meine Hundeliebe hatte ihre Grenze gefunden. Mein Glück war, sie griffen mich in der Gruppe immer von einer Seite an, sie hatten sich nicht verteilt. Ich nahm mein Rucksack in die Hand und bei jedem Angriff machte ich mich größer. Zum Glück hatte ich noch ein paar Steine gefunden und konnte mich so verteidigen.
Es dauerte eine ganze Weile bis ich an diesen Bestien vorbei war, dann ließen sie von mir ab und verschwanden im Nebel.
Wo war ich hingeraten? Auf welchem Weg war ich?
Fragte ich mich.
Ich stieg weiter bergab, das war immer die richtige Richtung.
Leichter Regen hatte den Nebel verdrängt und gab den Blick nach oben frei. Auf einer größeren Distanz konnte ich das verfallene Wohnviertel der Yarowilka erkennen. So war ich doch weit vom richtigen Weg abgekommen. Ich musste mich ein wenig rechts halten, um unten am Rio Tantamayo auf die Hängebrücke zu kommen.
Wie vom Blitz getroffen zuckte ich zusammen, mein Pulsschlag erhöhte sich abrupt, trotzdem ich bergab ging. Angst stieg in mir auf. Angst, dass ich gesehen werde. Es waren die vier bewaffneten Terroristen die, nicht weit weg von mir, auf dem richtigen Weg nach oben stiegen. Instinktiv duckte ich mich hinter einem nassen Strauch. Wasser tropfte von den Blättern auf meine Hand, aber es hörte auf zu regnen.
Plötzlich liebte ich den Nebel, der mich auf den falschen, aber dennoch richtigen Weg führte. Ich liebte diese wilde Bestien,
die mich eine Zeit lang beschäftigten. Wäre all das nicht gewesen, ich wäre den Terroristen direkt in die Arme gelaufen.
War es göttliche Vorsehung?
Ich dachte an meinen Konfirmationssppruch aus den 60er Jahren.
Psalm 23, Absatz 3 und 4 aus der Luther Bibel,
die Studienfassung:
3.) Meine Lebenskraft bringt er zurück, und er führt mich auf richtigen Pfaden, um seinem Namen gerecht zu werden.
4.) Auch wenn ich durch das Tal des Todesschattens gehe, fürchte ich keine Gefahr denn du, du bist bei mir. Deine Keule und dein Stab geben mir Zuversicht.
Aber noch mehr bewegte mich der Bibelspruch des „Buches Josua/Kapitel 1.9“,
das da heißt:
Sei mutig und entschlossen!
Lass dich nicht einschüchtern, und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.
So langsam wurde ich zum „Heiligen Cheo“, und meine heilige Schrift lautete aus dem Kapitel 1.1:
„Das schlimmste was mir passieren kann ist, dass ich nichts erlebe“.
Mit all diesen Gedanken stieg ich nach einer Weile hastig bergab, immer etwas rechts haltend und immer zurückschauend, ob mir jemand folgt.
Bergab geht es immer schneller, so ging ich nach gut einer Stunde über die Hängebrücke und nach weiteren 20 Minuten war ich wieder in Tantamayo. Als ich das Hoftor meiner Unterkunft öffnete, dämmerte es schon. Der Hahn stand vor mir und krähte, „äh äh ähh äähhhtsch“ und seine geilen Hühner stolzierten über den Lehmboden und pickten Grünzeug auf.
Oh Gott, wie liebte ich diesen bekannten, schrecklichen Klang, der mich am frühen Morgen aus meinem erotischen Albtraum holte. Es war ein Klang der Sicherheit, der Geborgenheit.
Nachdem ich mich am Waschplatz frisch gemacht hatte, brachte mir mein Gastgeber „Señor Ortéga“ das Abendessen, es gab Nudeln mit Fleisch bei Kerzenlicht. Señor Ocaña lächelte und fragte:
y como estuvo tu dia, que te parece?
(und wie war dein Tag, was denkst du?)
Ich erzählte ihm von der Galerie des Todes, von den vier bewaffneten Terroristen, von dem kleinen Gustavo und von dem Erlebnis mit den Hunden im Nebel. Und ich erzählte………
Das Abenteuer zog mich in seinen Bann. Ich wollte mehr wissen von dem geheimnisvollen, unbekannten Volk der Yarowilka und von dem kleinen Dorf in dem toten Winkel der peruanischen Ost-Anden.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte

EXPEDITION YARO

EXPEDITION YARO
Peru 1989
Teil 13

„GALERIE DES TODES“

In der Nacht hatte ich Albträume. Ich muss dazu sagen: „Es gibt schreckliche Albträume, in denen man Angst hat und Schweiß gebadet aufwacht und es gibt schöne Albträume, in denen man Angst hat, dass sie auf einmal zu Ende sind, weil man aufwacht. Diese Träume in der Nacht waren schrecklich schöne Albträume.
Rosa und Liza besuchten mich und fesselten mich nackt ans Bett. Ich spürte ihre Hände, Lippen und Zungen überall. Als Rosa auf meinem Becken saß und ich ihr Luststöhnen stocken hörte, wachte ich auf, weil draußen im Hof ein blöder Hahn krähte. Er musste ganz in der Nähe meiner Zimmertür gewesen sein. Es hörte sich schrecklich an, so wie „äh äh ähh äähhhtsch. Das schöne blieb zurück, eine Schlange in meinem Schlafsack, aber die war mir ja bekannt.
Der Morgen war jung und draußen wurde es langsam hell. Ich zog mich an, packte meinen kleinen Rucksack, mit allem, was ich zum Überleben in fremden Regionen benötigte, ging nach draußen und setzte mich auf den Stuhl der vor meinem Zimmer stand. Da sah ich ihn laufen, den Übeltäter, der mich aus dem nackten Traum geholt hat. Er war ein stolzer Hahn, dem ein paar geile Hühner folgten.
Mein Gastgeber kam gerade aus der Küche und brachte mir schwarzen Kaffee und, zu meiner Verwunderung, Fladenbrot und Marmelade. Alles was ein Europäer frühmorgens braucht. Lächelnd begrüßte er mich, stellte alles auf den Tisch und sagte:
Buen provecho Señor!
Wir kamen ein wenig ins Gespräch und während der Unterhaltung habe ich erfahren, dass sein Bruder in der Schweiz lebt, in Zürich. Er arbeitet als Koch im Hotel Schweizer Hof und ist mit einer Schweizerin verheiratet.
Es war vor zehn Jahren, erzählte er. Die Frau kam mit französischen Archäologen in unser Dorf und mein Bruder ging mit ihr in die Schweiz. Vor vier Jahren hatten sie uns mal besucht und ab und zu schicken sie uns ein wenig Geld. Und wie sagte mein Gastgeber noch:
Aprendí dos palabras en alemán: (zwei Wörter lernte ich in deutsch)
Fristick i Marrmlad (Frühstück und Marmelade) und er nickte mit dem Kopf.
Bueno, sagte ich und lächelte ihn an. Ich fragte ihn noch nach dem Weg nach Piruro. Er meinte:
Ja, da müssen sie erst runter in die Schlucht und dann etwa 800 Höhenmeter auf der anderen Seite nach oben. Drei, manchmal vier Stunden, der Weg ist gut.
Aber passen sie auf, es ist gefährlich, es gibt viele schlechte Menschen da!
Dem Zeitgefühl der Lateinamerikaner traute ich noch nie, aber nach meinen Berechnungen könnte es stimmen und, naja, schlechte oder unangenehme Menschen war ich gewohnt.
In meinem Leben und auf all meinen Reisen habe ich
gelernt mit den Gefahren, seien es objektive oder subjektive Gefahren, umzugehen.
(*Objektive Gefahren sind Gefahren, welche außerhalb des menschlichen Beherrschungsvermögens liegen

*Subjektive Gefahren sind Gefahren, welche aus dem Verhalten des Menschen entstehen.)
Und in meinem Leben habe ich mir angewöhnt, immer zuerst an das schlechte und schlimme zu denken, so bin ich mir immer sicher, dass alles besser werden kann.
Ich hatte zu Ende gefrühstückt und wollte gerade aufbrechen, da kam mein Gastgeber aus der Küche und reichte mir ein Fladenbrot mit Käse und Koka Tee für unterwegs. Eine Notration mit getrockneten Früchten und Müsliregel hatte ich ja immer dabei, aber das Fladenbrot mit Käse und Kokatee war eine willkommene Abwechslung. Er meinte noch:
Cuidado hombre! (pass auf,
Mann)
Si claro! Sagte ich, lächelte und stieg dann ab in die Schlucht zum Rio Tantamayo. Ich ging über die Hängebrücke auf die andere Seite und begann mit dem Aufstieg nach Piruro. Vorbei an ein paar Lehmhütten und an prachtvollen Pflanzen, die „Campanilla“ (Tropen Trompete) ist ein Strauch von mindestens 8 Meter Höhe. Die Blüten sind giftig. Das Gift wurde bei geheimnisvollen Ritualen benutzt, um Menschen in Trance zu versetzen. Feuerlilien und Orchideen. Blumen, die es bei uns nur als Zimmerpflanzen gibt.
Nach mehr als drei Stunden kam ich zu dem verfallenen Wohnviertel der Yarowilka. Es wird bezeichnet als „Piruro Nr.III“.
Piruro ist das einheimische Wort für den Spinnwirtel, eine kleine durchlöcherte Holz oder Tonscheibe. Damit der Faden nicht herrausfallen kann, wird sie auf das Ende einer Spindel gesteckt. Ein Argument also, dass in diesem Ort Wolle gesponnen oder gewebt wurde.
Ich stieg weiter bergauf. Wolken zogen aus dem Marañóntal herüber und verwandelten die unwirtliche Landschaft in ein difuses Licht. Es fing an zu regnen. Plötzlich brachen die Wolken auf und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich stand vor dem Heiligtum der Yarowilka. Ich hatte Piruro Nr.II erreicht.
Die Gebäude stehen im Halbkreis nebeneinander.
Einmalig für ganz Südamerika sind die Häuser, die auf fünf Stockwerke fast zehn Meter hochgezogen sind. Die Giebel der Bauwerke haben eine Ähnlichkeit mit den Maya-Pyramiden in Guatemala.
Trittsteine führen zu den seltsamen Nischen die 90cm hoch, 60cm breit und ein Meter tief sind.
Die Zahlen beweisen, dass hier in diesen Nischen einst zusammengeschrumpfte Mumien verstorbener Könige kauerten. Die Yarowilka haben sie regelrecht zur Schau gestellt. Diese Kenntnis ließ mich erschaudern. Ich stand mittendrin in einer „Galerie des Todes“.
Aber Grabräuber haben längst die geschmückten Leichenbündel gestohlen.
Ein weiterer Beweis liefert ein Ritzstein in der Mauer.
Er zeigt ein Spiralmotiv.
Das Spiralmotiv hat bei Naturvölkern rein kultische Bedeutung, es symbolisiert
die Rückkehr der Sonne, ewige Wiederkehr, Überwindung des Todes und neues Leben.
Französische Archäologen haben in dieser „Galerie des Todes“ ein Haus untersucht. Sie fanden Keramik und Reste organischer Stoffe aus der Zeit um 1000 v. Chr.
Der Französische Archäologe „Luis Girault“ kam bei anderen Gegenständen mit Hilfe der C14 Analyse (einer Radiocarbondatierung) auf ein Alter von 3900 bis 4100 Jahren. Aber leider konnten diese Zahlen durch weitere Materialanalysen nicht bestätigt werden.
Doch erwiesen ist:
Piruro steht auf uraltem Kulturboden.
Über eine Stunde hatte ich mich in der „Galerie des Todes“ aufgehalten und wollte gerade weiter hoch steigen bis Piruro Nr.I, als sich plötzlich von oben, noch hinter der versetzten Wehrmauer, vier Männer näherten. Sie waren militärisch gekleidet und mit Maschinengewehre schwer bewaffnet. Es war wohl eine Militärpatrouille oder Guerrilleros des Sendero Luminoso auf einem der „Wege des Terrors“. Ich hatte schon 1985 auf einer Reise durch Guatemala Erfahrungen mit den Militärs und mit Privatpatroullien im Guerilla Krieg gemacht, schlechte Erfahrungen.
Und da sie mich noch nicht gesehen hatten, überlegte ich kurz:
Sollte ich mich zu erkennen geben?
Nein. Ich hatte mich in einer der oberen Nischen versteckt. Ich kauerte in dem Loch wie eine damalige Königs-Mumie. Sie bemerkten mich nicht, aber ich konnte sie deutlich hören, sie sprachen ein Quechúa Dialekt. Militärs in Peru sprechen eigentlich Spanisch, so konnten es nur Terroristen sein, dachte ich. Als sie unter mir vorbei gingen, hörte ich mein Herz pochen bis zum Hals. Ich hatte bestimmt ein Pulsschlag von 160, ohne dass ich mich bewegte. Die Situation kann man mit drei Worten beschreiben:
„Ich hatte Angst“.
Angst, dass sie mich entdeckten. Dann wären mir zwei Optionen sicher gewesen: „Entführen und/oder gleich Erschießen“
Wer stirbt schon gerne in den Anden?
Ich dachte an die drei deutschen Studenten, die 1983 auf dem Inka Trail nach Machu Picchu ermordet wurden. Und ich dachte an diese alte Frau in Huánuco. Was sagte sie noch?
Hola Gringo, a donde viajes? vas a morir“! (Hallo Gringo, wohin reist du? du wirst sterben!)
Mein Aberglaube kam wieder in mir hoch. Sollte sie wirklich recht behalten?
Ich beruhigte mich, als ich die Terroristen nicht mehr hörte. Über eine halbe Stunde kauerte ich in dieser Nische. Ich hatte mein Fladenbrot und den Käse gegessen und den Koka Tee getrunken, den ich mir abgefüllt hatte. Eine Köstlichkeit in meinem kleinen Versteck.
Ich kam wieder, wie so oft, ins grübeln: Mit wie wenig doch man zufrieden sein kann, „ein kleiner Rucksack, paar Dinge zum Überleben, ein Fladenbrot, ein bisschen Käse und Kokatee auf einem spektakulären, alten Kulturboden mitten in den Anden. Demut.
Ich schaute um mich. Ich konnte niemand mehr sehen oder hören und so wagte ich es rauszukommen aus meiner Nische. Ich war wieder alleine, ganz alleine, mitten in der „Galerie des Todes“
Ich stieg dann weiter bergauf und erreichte auch bald Piruro Nr.I, es diente den Yarowilka für astronomische Zwecke oder es war ein Aussichtspunkt, um weit in die Landschaft hinaus zusehen. Die Feinde lauerten überall. Hier oben in fast 4000 Meter Höhe war ich nicht alleine. Ein kleiner Hirtenjunge saß auf einem Felsen, der seine Schafherde hütete.
Durch ein Loch in den Wolken konnte ich die Cordillera Huayhuash erkennen. Der Yerupája ist der zweit höchste Berg Perus und der Heilige Berg der Yarowilka. Das war mein nächstes Ziel, ein weiter, gefahrvoller Weg.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte.