Der bolivianische Hut und die gebrochene Feder. Bolivien/Argentinien 1987

„Der Staubkönig“

Über den Altiplano, über Potosi und Tarija, kam ich in das südliche Boliven. In Bermejo, eine Kleinstadt an der Grenze zu Argentinien, war es ruhig und dunkel, als ich am späten Abend in ein billiges Hotel eincheckte. Es war ein schäbiges Zimmer mit kaltem Neonlicht und genauso sah das Badezimmer aus. Die Dusche, das Waschbecken, unbeschreiblich. Ich drehte den Wasserhahn auf und eine dicke, ölige Brühe floss ins dreckige Waschbecken. Wiedermal, wie so oft, ein Abend ohne Duschen. So ist es eben, wenn man in klapprigen Bussen, oder als Staubkönig auf der Pritsche eines Lkw’s, auf abenteuerlichen Wegen durch Südamerika fährt. Meine Zähne putzte ich mit Bier, meine Klamotten schüttelte ich aus und in dem warmen Licht meiner Kerzenlampe schlief ich ein.
In der Gegend um Bermejo wird Erdöl gefördert. Shell, Esso, Texaco, alle sind hier vertreten.
Schon sehr früh stand ich am nächsten Morgen am Ufer des Rio Bermejo, der hier die natürliche Grenze zu Argentinien bildet. Ein kleines Boot brachte mich ans argentinische Ufer. Aber ein schnelles weiterkommen haben zwei Grenzbeamten erfolgreich verhindert. Ich mußte mein Rucksack auspacken. Sie suchten ganz gezielt nach Rauschgift. Neugierige standen um uns herum, denn ich war wieder mal der einzige Tourist auf diesem Schleichweg nach Argentinien.
Die Grenzbeamten wurden nicht fündig und so nahm ich ein Bus in Richtung Süden. Bananenfelder bis zum Horizont lagen rechts und links entlang der Straße. Der Himmel war tiefblau und zusammen mit den Schönwetterwolken gab es das schönste Bild in grün, blau und weiß.
Nach einer halben Stunde wurde der Bus durch ein Polizeiwagen gestoppt. Ein schwer bewaffneter Polizist stieg ein und entdeckte mich im hinteren Teil des Busses. Höflich hat er mich gebeten auszusteigen. Dem Busfahrer gab er einen energischen Befehl, das Gepäck dieses Gringos auszuhändigen.
Und wieder wurde ich gefilzt, wieder ging es um Rauschgift.
Eine halbe Stunde dauerte die Prozedur, dann konnte ich und der Bus endlich weiterfahren.
Nach ein paar Stunden und einem Umstieg in Embarcación, kam ich nach Metán. Hier blieb ich eine Woche, habe eine „Fiesta de los Gauchos“ miterleben dürfen und habe mich von den Strapazen der letzten Wochen erholt.
Metán ist eine Kleinstadt und das Tor zum „Gran Chaco“, einer riesigen Trockensteppe im Nordosten von Argentinien, das mein nächstes Reiseziel war. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Vom Schreiben über Vorgänge in direkter Nähe oder aus der Distanz vom Schreibtisch. Buenos Aires 1987

DAS LIED DER METRO

lichter im untergrund
geräusche monoton
das leben so kunterbunt
tangos erklingen im monophon

dichter bettler und halunken
indios mestizen aber auch weisse
die alten haben sich betrunken
die jungen gehen auf drogenreise

die menschen laufen durcheinander
drängeln sich zum zug der zeit
die alten leben mit palisander
die jungen sind zum sterben bereit

musiker stehen vor schmutzigen Kacheln
und spielen melancholische lieder
insekten fliegen mit giftigen stacheln
und die züge kommen im vierminuten takt
immer wieder immer wieder

im labyrinth der übergänge
den verbindungen zu den stationen
höre ich buddhistische gesänge
aus ganz anderen fremden regionen

taschendiebe sitzen auf treppenstufen
verstellen sich sind falsch und immer auf der lauer
die not hat sie dazu berufen
und mit der zeit werden sie immer schlauer

sie leben in den straßen
und kennen kein zuhaus
mit den zügen wollen sie davon rasen
doch am abend müssen sie hier raus

wenn es dunkel wird kommen finstere gestalten
und um mitternacht kommen die richter
solche die das licht ausschalten
das Lied der Metro hat viele gesichter

im grenzland zwischen hoffen und bangen
höre ich die melodie
ich glaube ich bin gefangen
und verloren in der macht der metromanie

© Walter Maul Photographie

Traumland „Gran Chaco“. Argentinien 1987

Ruf der Wildnis

Lateinamerika war und ist für mich wie eine schöne junge Frau die ruft „komm zu mir“, und ich bin diesem Ruf damals unwiderstehlich gefolgt, überall hin.
Ich war in Metán. In dieser Kleinstadt am Rande des Gran Chaco im nördlichen Argentinien, hatte ich mich von den wochenlangen Strapazen auf dem Altiplano in Bolivien erholt. Konnte wieder mal richtig duschen und meine Zähne mit Wasser, statt mit Bier, putzen.
Ich hatte

auch eine „Fiesta de los Gauchos“, mit Essen, Trinken, Tanz und Gesang miterleben dürfen. Und ich hatte den Rezitationen der Gauchos an diesem Abend gespannt zugehört.
Es war eine schöne Woche in der Pension „Jimenez“, in der „Calle Roque Sáenz Peña 261“, in der ich in dieser Zeit wohnte.
Es war Dienstag, der siebte April 1987.
Bevor der Wecker klingelte, wurde ich wach. Ich war neugierig und aufgeregt, auf meine Reise durch den Gran Chaco. Ich wollte meinen lang ersehnten Traum verwirklichen. Ich wollte mit dem Güterzug durch die 170.000 Quadratkilometer große Trockensteppe im Nordosten Argentiniens fahren.
Schon am Vortag hatte ich mir Proviant für 14 Tage besorgt und hatte mich von der liebenswürdigen Familie Jimenez verabschiedet. Hatte mich auch erkundigt, über die Abfahrtzeit eines Güterzugs in Richtung Resistencia. 750 km sind es bis in diese Stadt im Department Chaco. Ein freundlicher Bahnarbeiter sagte mir, dass ein Zug Morgen, so zwischen vier und sechs Uhr morgens abfährt, einen genauen Zeitplan gäbe es nicht. Ich dachte an das Wort „Mañana“. Mañana heißt morgen, kann aber auch übermorgen oder erst nächste Woche sein. In Lateinamerika nimmt man das nicht so genau.
Ich packte meinen Rucksack, verließ das „Casa Familia“ so gegen halb vier Uhr morgens und lief zum Bahnhof.
Da war schon reges treiben. Waggons wurden hin und her geschoben, abgehängt und angehängt.
Ich lief gerade auf den Gleisen entlang, da hatten mir zwei Bahnarbeiter zugerufen: „Pass auf Gringo, da kommt ein Zug“! Ich sprang zur Seite und dachte: Verdammt, hätten die zwei mich nicht gewarnt, der hätte mich glatt überrollt und das war mein Zug.
Als er zum stehen kam, kletterte ich auf die Plattform eines Waggons und machte es mir gemütlich. Ich Frühstückte und wartete auf die Abfahrt.
Mit dem Güterzug fahren war in Argentinien nicht erlaubt, aber es war auch nicht ausdrücklich verboten und es war umsonst. Es gab kein Fahrschein, keine Garantie für Abfahrt- oder Ankunftszeit. Sozusagen alles auf eigene Gefahr.
Es war noch dunkel, als sich der Zug in Bewegung setzte. Ich hörte das Eisen knirschen der schweren Räder auf den Schienen. Es war eine Respekt einflößende Musik in meinen Ohren. Und als diese Tropische Nacht zu Ende ging, sah ich in die wilde Landschaft des Gran Chaco.
Ich hatte es wirklich geschafft.
Ich saß oben, wie auf einem Logenplatz und Lateinamerika fuhr an mir vorbei.
Ich muss immer an die Worte denken: „Träume nicht dein Leben sondern lebe deinen Traum“, und ich hatte diesen Traum gelebt.
Nach sieben Stunden kam der Güterzug in eine Kleinstadt namens „Joaquín Víctor González“.
Hier hatte mein Traum ein jähes Ende gefunden. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. ✒️

Alle Wege führen nach Guiengola. Mexico 1985

Ich ließ mich durch Mexico treiben, bevor ich nach Tehuantepec kam. Eine Kleinstadt in der Landenge zwischen dem Golf von Mexiko und dem Pacific.
Ich war auf der Suche nach einem archäologischen Abenteuer, so kam ich auf diesen Weg nach Guiengola, einer damals unbekannten Ruinenstätte der Zapoteken in den Ausläufern der Sierra Madre del Sur. Ich hatte den Weg zu Fuß unterschätzt, es war zu weit, zu heiß und zu trocken.
(Vor ein paar Wochen habe ich angefangen meine damaligen Erlebnisse aufzuarbeiten, so kommen mir meine diesjährigen Zeitreisen gerade recht.)
Fortsetzungen folgen…..