Expedition Yaro Peru 1989

Kapitel 36

Flucht durch den Regenwald.

Sie kamen im Morgengrauen. Luana kam als Erste in die Hütte gestürmt, gleich dahinter Seni, sie waren nervös und lautstark:
„Kommt schnell, zieht euch an, packt alles zusammen, wir sind aufgeflogen! Rebellen sind uns auf den Fersen! Juan und Eugenio verstecken das Boot, wir müssen zu Fuß weiter! Warum?, erzähle ich euch später!“, los macht schon!
   Verschlafen schaute ich in ernste Gesichter und zog mein linkes Bein unter Pilars nacktem Körper heraus. Amelies rechter Busen umarmte ich – Doppel D ist so angenehm, sie lag zur Hälfte auf mir.
   »Erst gegen halb vier Uhr morgens erwachte Pilar aus ihrer Trance und legte sich zu uns aufs Bett. Eng umschlungen und ausgelaugt waren wir eingeschlafen«.
„Kommt schon, in fünfzehn  Minuten ist Abmarsch!“, aufgeregt liefen sie nach draußen.
   »Schnell sein, war noch nie mein Ding, schon gar nicht früh morgens, ich ging immer alles mit Ruhe und Bedacht an. An diesem Morgen aber, pressierte es«.
   Pilar rieb sich den Schlaf aus ihren dunkelbraunen Augen, umarmte meine Oberschenkel und legte ihr Gesicht in mein Schoß. Mit meiner Hand streichelte ich über ihre Schulter, ihren Nacken. Ihre dunkelbraune Haut war wie aus zarter Seide, so weich, so jung.
„Komm schon Liebes, wir müssen los!“, zärtlich drückte ich ihren nackten Körper zur Seite, als sie zu beißen wollte, und dirigierte sie zum Aufstehen. Widerwillig und grinsend ließ sie von mir ab.
   Amelie hingegen war die Vernünftigere, sie löste sich aus meiner Umarmung und stand auf, sie erkannte den Ernst der Lage.
   »Männer sehen gerne zu, wenn sich eine Frau auszieht. Ich hingegen, bin anders als die anderen. Ich war schon immer anders als die anderen, ich war und bin schweigsam und viel schlimmer. Ich sehe gerne zu, wenn sich eine Frau vor mir anzieht.«
   Amelie zog ihr dunkelgrünes Shirt über ihren prallen Busen. Ein Anblick, der mich von neuem erregte. Ihre ausgeprägten steifen Nippeln unter dem Baumwollstoff waren ein Hingucker. Und was sie über ihre Hüften streifte, übertraf meine Vorstellungskraft; elastische, dünne Riemen mit einem Fetzen durchsichtigen Stoff, der ihre wilden, unersättlichen Schamlippen bedeckte, ein Hauch von Garnichts, rosarot, in der Farbe ihres Venusfleisches. Die dunkelgrünen Leggings dienten nur zur Tarnung im Regenwald. Ihre Sandalen, mit einer Sohle aus Reifengummi, einfach und zweckmäßig.
   „Kooommt, steht auf jetzt, ich mach uns Kaffee!“, ihre Stimme klang so besorgt.
   Pilar war ungezähmt, bequemer. Ihre weiße Bluse war ein Blickfang, unter ihren straffen Brüsten zugebunden, ein atemberaubendes Dekolleté. Ihr schwarzer Minirock bedeckte das Nötigste. Unterwäsche?, niemals. An ihren Füßen, der Allrounder in den Tropen – Reifengummi mit Riemen.
   »Beide waren nicht für einen Fußmarsch durch den Urwald vorbereitet, wir alle waren nicht vorbereitet, so dass die Tour ein gefährliches Unterfangen wurde«.
   Auch ich stand schneller als gewöhnlich auf. Hemd; Hose; Hut; Stiefel, ich legte schon immer großen Wert auf gutes Schuhwerk mit Komfort, aus Leder – wadenhoch, gut zum Reiten, gut zum Laufen. Im linken Stiefel, wasserdicht verpackt, Reisepass, Reiseschecks und wichtige Adressen. Im rechten Stiefel mein Revolver, schnell erreichbar. Und an meinem Gürtel hing mein Messer und meine Tasche, das allernötigste meiner Ausrüstung, gut zum Überleben.
   Den Kaffee tranken wir im Stehen, dazu Pan Dulce, süßes Brot, etwas trocken, peruanisches Frühstück auf die schnelle Art. Bei dem Anblick der zwei Frauen, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Die Nacht der „Wilden Spiele“ hatte Spuren hinterlassen, nicht nur bei mir.
   Ich ging als Erster nach draußen und traute meinen Augen nicht, der Wald, der Fluss, alles in ein leuchtendes Orange getaucht. Die aufgehende Sonne versuchte, die letzten Nebelfetzen zu zerreißen. Kreischende, grüne Papageien flogen aufregend durch die Luft. Nebenbei schaute ich in grimmige Gesichter. Alle vier, Luana, Seni, Eugenio und Juan standen auf dem Steg. Juans Oberarm zierte eine weiße Binde.
   „Gestern Abend, bei der Übergabe in Tingo Maria, hatten uns Rebellen beobachtet, sie kontrollierten die Straßen, es gab ein Schusswechsel. Juan hatte ein Streifschuss abbekommen, nichts schlimmes. Wir konnten noch abhauen, hatten uns die ganze Nacht in einer Hütte versteckt!“, verärgert klang Luanas Stimme. „Noch im Dunkeln schlichen wir zum Boot und fuhren hierher, um euch mitzunehmen. Aber Juan meinte, dass es besser wäre, wenn wir zu Fuß nach Monzón gehen, weil die Rebellen bestimmt den Fluss kontrollieren!“, sichtlich besorgt war Luana über unsere Lage.
   Eugenio ging hinter die Hütte, holte aus einer Kiste drei zusammen gebundene Bündel und drei Macheten heraus. Juan und mir gab er ein Bündel und eine Machete, er behielt den Großen und sagte:
„Die werden wir brauchen, es sind Hängematten und etwas Proviant. Zu Fuß nach Monzón sind es drei Tage, was wir sonst noch unterwegs brauchen, müssen wir angeln oder pflücken, wir werden Möglichkeiten dazu finden!“
   »Es klang für mich wie ein Survival-Kurs im Urwald – Überleben auf die einfachste Art, mit Gefahr im Nacken.«
   Eugenio schloss die Tür ab, hing das Bündel über seine Schulter und steckte seine Machete in seinen Gürtel. Er schaute mich an und meinte: „Und dieses Werkzeug werden wir auch brauchen, vielleicht ist der Weg zugewachsen, es ist ein Schleichweg, immer in der Nähe des Flusses!“
   > Jetzt, indem ich meine Erinnerungen von damals zu einem Buch niederschreibe und ein Teil meines verrückten Lebens erzähle, kommen mir all diese Gedanken wieder, die ich auf Schleichwegen verbracht hatte. Einige dieser, sagen wir mal „gewollten Umwege“, werde ich ewig in Erinnerung behalten<.
   >Nie hatte ich eine berufliche Karriere angestrebt, ich war immer auf das „Abenteuerliche Leben“, auf das „Leben der Tramps“, das „Leben der Hobos“, das „Draußen Leben in fernen Ländern, unter fremden Kulturen“, fixiert, schon früh, in meinen Jugendjahren. Ich war besessen davon, diese Leidenschaft mit allen vor – und Nachteilen auszuleben. <
   »Das, was ich mir angeeignet hatte, konnte mir kein Lehrer beibringen, das hatte ich selbst zusammen getragen, autodidaktisch, praktisch und dabei viel gelesen. Die Arbeit war nur dazu da, um Geld zu verdienen. Wenn ich genug davon hatte, hörte ich auf zu arbeiten, denn die Berge, die Wildnis, das Abenteuer Lateinamerika hatte immer laut gerufen und diesem Ruf war ich gefolgt.«
   Es ist gar nicht so lange her, da hatte ich einen Job als Kraftfahrer.
   Nachdem ich meine Mutter vier Jahre lang rund um die Uhr gepflegt hatte, sie hatte Demenz, saß im Rollstuhl und war in einer Dezembernacht verstorben, las ich eines Morgens in der Zeitung, die Stellenanzeige einer Firma, die ein Produkt herstellte, und Vertrieb. Sie suchten einen Kraftfahrer für einen dreieinhalb Tonner, für den Übernachten kein Problem ist. „Schriftliche Bewerbung mit Lebenslauf an die Firma………“
   Das Wort „Übernachten“ klang gut, denn ich musste raus aus dem Haus, ich konnte es nicht mehr ertragen.
   Ich las diese Anzeige zweimal, dreimal und dachte: „Das ist der perfekte Job für mich!“
   Nach diesen „Vier Jahren Pflegezeit“ meiner Mutter, zu Hause, war ich am Ende meiner Nerven und hatte ein finanzielles Desaster erlitten. Vier Jahre lang kein Geld, kein Job, keine Arbeitslosen Unterstützung. Ich wurde aus dem System genommen und lebte von meiner Altersvorsorge. Ich war ausgebrannt und hoffte auf einen Neuanfang. Ich musste mein Leben neu aufbauen.
   So setzte ich mich an den Schreibtisch und verfasste eine Bewerbung in Bezug auf den Schwerpunkt „Kraftfahrer auch Übernacht“. Meinen Lebenslauf schrieb ich mit der Hand, ehrlich und nichts ausgelassen, aber immer mit dem Blick auf den Job.
Viele Jahre Berufserfahrung als Tankwart an Autobahntankstellen; Kfz technisches Verständnis; über zwanzig Jahre Speditionswissen – Einfuhr, Ausfuhr, Lager; praktische Kenntnisse als Chemiearbeiter, Haushandwerker und Türsteher, erworbene Menschenkenntnis, geringfügige Beschäftigung als Kraftfahrer für Polen, Österreich, Tschechien und Schweiz. Und für die abenteuerlichen Lücken in meinem Lebenslauf schrieb ich: Auslandserfahrungen in Schweden, Norwegen, Finnland, Neuseeland, Singapur, Kuba, Mexiko, Guatemala, Peru, Bolivien und Argentinien. Englisch- und Spanisch Kenntnisse und natürlich die Pflege meiner Mutter.
   „Das praktische Leben hatte mich gelehrt!“
   Es war kurz vor Weihnachten, als meine Bewerbung den Briefkasten fand.
   Das „Warten auf Etwas“, war ich gewohnt. Einmal wartete ich über zwanzig Stunden an einer Straße im südlichen Neuseeland auf eine Mitfahrgelegenheit, das ist aber eine ganz andere Geschichte.
   Diese „Warterei auf eine Antwort“ dauerte länger. Mitte Januar bekam ich die Einladung für ein Bewerbungsgespräch. So bin ich noch schnell zu meinem Friseur nach Heidelberg gedüst, man will ja die gute Kinderstube zeigen. Und danach fuhr ich zu dieser Firma, zu dem ersten Vorgespräch.
   Eine junge, gut aussehende Frau begrüßte mich und führte mich durch die Produktionshallen. Viel Staub und Lärm und in jeder Ecke lag das Produkt herum. Sie erklärte mir die Maschinen, die den Höllen Lärm erzeugten, und sie sprach über das Produkt und dessen Vorzüge.
   „Kommen sie!“, sie war nah an meinem Ohr, ich roch ihr süßholziges Parfüm und folgte ihr.
Ich wäre mit ihr überall hingegangen, nur raus aus dem staubigen Lärm hier. Wir setzten uns in ihr Büro und sie überflog nochmal meinen Lebenslauf –    „Junggeselle ohne Verpflichtungen, aha, also Unabhängig“, sagte sie leise vor sich hin.
   „Gut Herr Maul, wir haben noch mehr Bewerber, wenn wir uns für sie entscheiden, rufe ich sie an!“, sie gab mir ihre Hand, es war ein kräftiger Händedruck, zeugte von Aufrichtigkeit und Direktheit.
   Ein paar Tage später wurde ich zu einem weiteren Gespräch in die Firma bestellt.
Drei junge Leute saßen vor mir in der Runde, mitunter zehn, fünfzehn und zwanzig Jahre jünger als ich, durchblätterten meine Bewerbungsunterlagen und entschieden über einen älteren Mann, der dringend eine Arbeit benötigte.
Die Entscheidung kam von der jungen Frau, meiner zukünftigen Chefin:
   Ja Herr Maul, wir würden sie gerne nehmen, aber, – und jetzt kam ein Satz, der mir in all den letzten Jahren immer noch im Ohr liegt:
„Aber, sie müssen vorher noch zum Friseur, unsere Kunden verlangen Korrektheit und Freundlichkeit!“
Diese Aussage zeugte nicht von Menschenkenntnis, ganz und gar nicht, es war für mich eine verbale Vergewaltigung. Ich fühlte mich so ausgezogen. Nackt.
Ein Glück, dass sie keine Gedanken lesen konnten.
Bei verbalen Angriffen habe ich eine gute Abwehr:
Ich stelle mir mein „Gegenüber“ nackt vor!, genauso wie sie mich ausgezogen hatte. In meiner Phantasie hatte ich mich auf sie gesetzt, ihre Doppel D’s mit meinen Händen gestreichelt und massiert, ihre steife Nippel geleckt, sie geknutscht, gebissen und ihr Blut ausgesaugt, sie wäre Nass und blass geworden.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich wieder einen klaren Kopf bekommen hatte, und sagte nur einen kurzen Satz:
„Na, daran soll es nicht scheitern!“
   Gut Herr Maul, sie haben den Job, bis wann können sie anfangen?, sagen wir den Vierten Februar, es ist der erste Montag im Monat?, ihre Stimme klang so kräftig, so Chefisch.
„Ja, das ist gut!“, ich reichte ihr meine Hand.
   Glücklich ging ich aus der Firma heraus, setzte mich in mein Auto und fuhr über die A5 nach Heidelberg zu meinem Friseur.
»Ich liebe Heidelberg, die kleinen Gassen, die Kneipen, die Studenten, das weltliche Leben.«
Der Barber Shop lag in der „Untere Straße“, nah am studentischen Geschehen.
Ich ging durch die Tür.
„Oh Hallo!, du schon wieder!, was ist los?, stimmt was nicht?, du warst doch erst  bei mir!, ahaaa, ich weiß, du stehst auf mich!“, er fuchtelte mit seinen Fingern an mir herum.
„Komm, sag schon, was ist los?“, er sah mich schräg mit zugepetzten Augen an.
„Oh Georgio, mach es kürzer bitte, Schneids ab, vorne und hinten, aber nur am Kopf, ich brauche den Job!“, ich lächelte verzweifelt.
   „Oh mein Gooot, komm setz dich, ich bin gleich bei dir mein Lieber, ich kümmere mich um dich!“, und Georgio verschwand für eine kurze Zeit in einem Hinterzimmer.
   Meiner Meinung nach sind fünfzig Prozent aller Friseure schwul, aber Georgio, mein Friseur, fiel in die Kategorie „Oberschwul“.
   Als er an mir war, mit seinen langen Fingern und meine Kopfhaut massierte, kribbelte es von meinem Bauch bis in die Oberschenkel. Ich liebe lange Finger, die bis zur Prostata reichen, aber sie müssen „Weiblich“ sein. Ich lag nicht auf seiner Welle.
   Nach einer halben Stunde Gekribbel bei Georgio waren meine Haare ab und ich sah so aus, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.
»Ich wollte schon immer so aussehen wie jemand, der aber was ganz anderes ist.«
„Ciao Bello, komm bald wieder!“, rief Georgio mir nach und ich fror in meinem Nacken.
   Ich ging eine Straße weiter in die Kettengasse. Schon in meinen jungen Jahren verband ich Heidelberg immer mit einem Besuch in meiner Lieblingskneipe, dem „Drugstore“. Es gab eine Zeit, da war ich drei bis viermal die Woche früh abends da. Hier trafen sich die Studenten und Professoren, die Akademiker und die Intellektuellen zum Schachspiel und zum Smalltalk.
Ich setzte mich dazwischen, trank meistens Kaffee oder Rotwein, blätterte durch die Feuilletons der ausgelegten Zeitungen und hörte ihnen gespannt zu. Es wurde geredet und philosophiert über die Welt, über Gott und seine Taten. Ich konnte mir keinen besseren Ort vorstellen, um sich philosophisches Weltwissen für die Zukunft anzueignen. Es war wie in einem Hörsaal der Universität, sie waren die Redner und ich war der Zuhörer. Hatte ich genug gehört, ging ich am späten Abend ins „Tiffanie“, ließ mich von schönen, reifen Frauen anbaggern und hatte so manches mal eine geile Nacht.
„Oh Heidelberg, du Schöne!“
   Die Tage zum Neuanfang waren kurz. Durch den Tod meiner Mutter hatte ich viel zu erledigen.
„An einem regnerischer Tag im Februar begann mein neues Leben, ein Leben auf Deutschlands Schleichwegen!“
   Die ersten paar Tage fuhr ich mit einem jüngeren Kollegen mit, zur Einarbeitung. Ich war der beste Beifahrer, den man sich wünschen konnte, ich hatte alles verpennt.
   Meinen eigenen Wagen übernahm ich eine Woche später in Essen, eine Stadt im Ruhrgebiet. Es war ein dreieinhalb Tonner in Weiß, mit 160 PS, sechs Meter lang mit Pritsche und als Zubehör wurde ich mit einem kleinen Navi ausgestattet. Ich liebte dieses kleine Ding und hing mein privates Navi noch dazu.
   Das „Fahren nach zwei Navis“, kann interessant werden.
Das Firmen Navi stellte ich auf „Autobahn vermeiden“ und mein privates Navi bekam den Befehl „Kürzester Weg“, so konnte ich fast jeden Stau umfahren, aber das Verrückteste dabei war, beide Navis führten mich auf unterschiedlichen Strecken zum Ziel, trotz gemeinsamer Zieleingabe. Ich hatte das Gefühl, dass mein privates Navi mit mir im Unterbewusstsein kommunizierte, ich hörte es sagen:
„Komm, folge mir, ich bringe dich auf einen Weg, den du noch nie zuvor gesehen hast!“
So folgte ich dieser inneren Stimme bis zum Ende aller Straßen, die so manches Mal vor einer Treppe oder an einem Feldweg endete. Ich fühlte die Freiheit, die ich in den letzten Jahren so vermisst hatte. Ich saß praktisch in meinem Wohnzimmer, schaute durch das Fenster und die deutsche Landschaft zog an mir vorbei.
   Ich konnte Gas geben, konnte bremsen, konnte anhalten wo und wann ich wollte. Kein Vorgesetzter schaute mir zu. Auch der Zuteiler, der meine Touren zusammenstellte, hatte meiner Meinung nach, keine praktische Erfahrung auf Deutschlands Straßen. Für ihn waren hundert Kilometer auf der Landstraße zwei Zentimeter auf dem Kartenbildschirm seines Computers, ihm konnte ich vieles erzählen. Halbwahrheiten.
Ich war mein eigener Herr. Ich hatte die Verantwortung für den Wagen, für das Material und für meine Tätigkeiten.
   »Die große Tour ins Sauerland, war immer für eine Überraschung gut.«
   Es war ein schmuddeliger Tag, an dem ich das erste Mal früh morgens im Februar durch den Taunus und den Westerwald fuhr. Es gab Regen und Schnee und ich hatte über eine Tonne zerbrechliches Material für 25 Kunden geladen. Dazu kamen noch Stangen aus Holz, sechs Meter lang, die zwei Meter hinten heraus ragten. Mein Wagen war lang und schwer. Bis zum Abend schaffte ich fünfzehn Kunden.
   In Finnentrop, eine größere Kleinstadt im Sauerland, wo ich meinen letzten Kunden des Tages bediente, war die Jugendherberge, in der ich übernachten wollte, geschlossen.
So fuhr ich langsam durch die dunklen Straßen und fand eine kleine Pension mit dazugehörigem Bistro.
Mit meinem langen Gefährt belegte ich gleich vier Parkplätze auf dem dunklen Parkplatz vor dem Haus, sonst war kein Auto zu sehen. Als ich ausstieg, blies ein eisiger Wind in mein Gesicht. Es war kalt im Sauerland. Ich ging um die Ecke des Hauses und klingelte an der Tür. Auf dem Klingelschild stand „Red Velvet“.
Ich klingelte noch einmal. Ein rotes Licht ging an und ein älterer Mann öffnete die Tür:
   „Hallo guten Abend, haben sie vielleicht ein Zimmer für mich?“, ich lächelte ihn an.
Der Mann räusperte sich und lachte.
„Ein Zimmer willst du? Du kannst alle haben!“
„Komm rein und warte kurz, meine Tochter kommt gleich, ich habe damit nichts mehr zu tun!“, sagte er mit erhobener Stimme, drehte sich um und verschwand hinkend in einem Zimmer.
   Ich stand in einem langen Flur mit roten Wänden. Am Ende des Korridors war eine Tür, die halb offen stand. Aus dem Raum erklang instrumentale Musik. Klassik. Violine und Orchester.
Langsam ging ich auf diese Tür zu, die mich neugierig machte.
   Mir fielen Bilder auf, die an den roten Wänden, mit dunkelgrauen Rahmen wie eine Ausstellung, präsentiert wurden.
   »Ich erinnerte mich an meine Ausstellungen in Bistros, Galerien und Kulturhäuser, an den Bensheimer Photo Herbst, dessen Ausrichter ich gewesen war.«
   Großformatige Schwarzweiß Photographien mit Landschaften, Akt und Industriemotiven zierten die linke Wand. Bilder von Becher, von Ruff und Gursky; namhafte Künstler aus der Düsseldorfer Fotoschule.
   Die Nudes von Ruff waren verfremdet und provozierend.
Freiraum für Illusionen. Grasser Gegensatz zu Bechers und Gurskys Konzeptphotographie.
   An der rechten Wand hingen Porträts von Polke, von Beuys und Staeck, dazwischen Fotomontagen von Heartfield.
Vor einem Bild blieb ich stehen, es zeigte ein Kondor, der über bewaldeten grünen Hügeln kreist. Mir scheint, als hätte er sich verflogen. Wie angewurzelt stand ich vor diesem Bild. Ich spürte, wie eine Träne über meine Wange kullerte. Meine Gedanken überschlugen sich. Die junge Frau, die durch die Tür kam und links hinter mir stand, bemerkte ich nicht. Meine erotische Seele war nicht da, nicht in diesem Korridor, der voller Erinnerungen steckte. So flog ich in meiner Phantasie mit dem Kondor über diese, mit Regenwald überwucherten Hügeln und versuchte zu landen. Ich spürte eine innere Unruhe und zugleich eine leidenschaftliche Euphorie. Ich fühlte mich zurückversetzt ins Jahr 1989, in die Heiligen Hügeln der Yarowilka, in die Gefahr am Rio Monzón.
   Eugenio schaute mir in die Augen und fragte leise:
„Vamos Amigo?“
Ich nickte.
Dann sah er zu Luana und fragte gleichzeitig laut Hals in die Runde:
„Vamonos Muchachos?“
Alle nickten mit einem leisen raunen und riefen im Gleichklang:
„Si Vamonos!“
   Eugenio ging voraus, dahinter Luana und Seni, sie bildeten die erste Gruppe.
In der zweiten Gruppe ging Juan voraus. Amelie und Pilar blieben eng hinter ihm.
Ich folgte ihnen mit kurzem Abstand, ich war der Aufpasser, der Späher auf diesem Schleichweg durch die tropische Wildnis.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte.

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