EXPEDITION YARO

Peru 1989

Teil 18

„Ruf der Geister“

Die Dunkelheit brach schnell herein. Es wurde kühl. Ich stand im Hof und lauschte den Geräuschen der sternenklaren Nacht. Im Hühnerstall flatterte es.
Rudi, der Hahn, hatte sich zum schlafen auf die Stange gesetzt. In einer Ecke lagen die Meerschweinchen eng aneinander gekuschelt auf Stroh und Luana sang leise ein Lied in der Küche. Es klang geheimnisvoll, exotisch in ihrer Sprache.
Ich beobachtete sie eine weile durch die offene Tür.
Die schwarzen Haare hatte sie mit einem roten Tuch zusammen gebunden. Ihre erotische Rundungen versteckte sie unter einem langen, braunen Wollkleid, dazu Wollstrümpfe und braune Mokassins.
Ich Iiebte diese Umwandlung, dieses indigene Keusche nach aussen und ihre erotische Seele, das Geile darunter. Ein indianisches Paradoxon, das mich immer mehr faszinierte.
Sie bewegte sich gelassen, kontrolliert und ruhig am Feuer, schamanisch, wie in bestimmten Ritualen. Als sie mich bemerkte, rief sie mich rein. Komm setz dich her ans Feuer, du brauchst keine Angst haben, wir sind alleine. Ich bin gleich soweit, du kannst auch hier essen, meinte sie.
Ich setzte mich auf einen Stein neben das Feuer. Ein Topf stand in der Glut, ein anderer hing an einer Kette über der Flamme. Eine Kanne stand weiter hinten. Es kochte, es zischte und es rauchte. Sie sah mich an und lächelte. Ohh! Rief ich. Habe ich dich gestört?
Ihr Gesicht war seltsam angemalt. Auf ihrer Stirn waren fünf senkrechte, blaue Striche aufgemalt. Ihre Wangen zeigten zwei schwarze Spiralmotive, das gleiche Motiv wie in Piruro, und an ihrem Kinn war ein breiter, grüner Querstrich.
Nein nein, sagte sie, ich habe gern deine Nähe.
Weißt du, beim kochen, meditiere ich oft. Das habe ich von meinem Vater geerbt, er war ein Schamane und kam aus dem Tiefland.
Mit der einen Hand rührte sie mit einem Löffel im Topf  und mit der anderen Hand streichelte sie mein Oberschenkel.
Das Essen ist fertig, ich hole dir ein Teller, sagte sie und stand auf.
Es gab Nudeln mit Fleisch und Soße. Es war so köstlich.
Sie reichte mir eine Tasse Tee.
Was für ein Tee ist das? Fragte ich sie.
Das ist ein Koka Tee mit einer Kräutermischung, sagte sie. Trink, es wird dir gut tun.
Sie stand auf, trug das Geschirr in den Waschtrog, kam zurück und setzte sich, mit einer Tasse Tee, zu mir ans Feuer.
Welche Bedeutung hat die Malerei in deinem Gesicht?
Fragte ich.
Sie sah mich an und meinte:
Die blauen Streifen an meiner Stirn, steht für den Himmel (el Cielo), der grüne Strich an meinem Kinn, steht für die Muttererde (Pachamama) und das schwarze Spiralmotiv an meinen Wangen, das sind die immer wiederkehrenden, schwarzen Seelen der Terroristen, die ich in meinen Ritualen bekämpfe. Es sind furchtbare Bestien, die meine Eltern getötet haben, sagte sie mit erhobener Stimme.
Sie stand wieder auf, nahm die Kanne und schenkte uns Tee nach.
Komm doch mit in mein Zimmer, da ist es gemütlicher, sagte sie.
Ich betrat das erste mal ein Raum einer Schamanin.
Im Kerzenlicht sah ich den Federschmuck, der von der Decke herunterhing. Selbst- gebastelte Traumfänger, Trommeln und Rasseln zierten die Wände. In der Mitte des Zimmers, eine runde Erhöhung mit grünen und blauen Decken aus Lama Wolle, es war die Schlaf-Insel. Was mich zum Staunen brachte, stand in der Ecke auf einem Holzregal, ein echter Schrumpfkopf.
Luana kam zu mir und legte ihren Arm um meine Hüfte. Das, sagte sie, ist mein Großvater, er war auch Schamane, den habe ich von meinem Vater geerbt.
Das Licht der acht Kerzen warf geheimnisvolle Schatten, die sich drehten, an die Wände und den hellen Lehmboden.
Wir stellten unsere Tassen auf einen kleinen, niederen Tisch und Luana legte etwas Holz nach in dem kleinen Kaminfeuer. Der Tee hatte eine berauschende Wirkung auf uns. Wir setzten uns auf die Schlaf-Insel und Luana fing an zu erzählen:
>>Ich war 15 Jahre alt, als meine Eltern von den Terroristen verschleppt und ermordet wurden, es war eine grauenhafte Nacht. Ein Jahr später habe ich geheiratet, meine Tanten hatten das in die Wege geleitet, damit das kleine Mädchen versorgt war. Einen fast 30 Jahre älteren Mann.
Das Wissen und die Praktiken des Schamanismus, hat mir mein Vater beigebracht. Ich war immer bei rituellen Zeremonien dabei. Er hat mich auch zu den Ritualen im Tiefland mitgenommen.
Und einmal waren wir bei dem Sonnenfest der Inkas, dem „Inti Raymi“, in Cuzco dabei, es war traumhaft.
Vor vier Jahren hatte uns mein Schwager aus der Schweiz besucht und hat uns zwei Flugtickets mitgebracht. Wir sollten ihn mal besuchen kommen.
Ein Jahr später sind wir nach Zürich geflogen. Ich war das erste Mal den Himmelsgeistern so nah.
In Zürich, das war ein Schock. So viel Beton, so viele Lichter, so eine Hektik und der Verkehr, demasiado para mi, es war zuviel für mich.
Wir wohnten bei meinem Schwager und seiner Frau, sie haben ein großes, altes Haus an einem Fluss, ich glaube „Limmat“ heißt er. Die Frau meines Schwagers war in dieser Zeit gar nicht da. Sie ist Archäologin und war mit einer französischen Expedition in Südamerika unterwegs.
Jeden Abend gingen mein Mann und sein Bruder aus dem Haus, mich ließen sie in der Wohnung zurück.
Mein Schwager sagte zu mir:
Wir ziehen mal um die Häuser und sind bald wieder da!
Als sie dann spät in der Nacht zurück kamen, waren sie immer stockbesoffen.<<
Luana stand auf, nahm die Kanne und schenkte uns Tee nach. Sie ging in die Hocke vor mir, gab mir eine Tasse und sagte:
Schön dass du hier bist, Walter, komm, trinken wir unseren Tee, so lange er heiß ist.
Wir lächelten uns an und tranken den Tee.
Es war eine besondere Mischung mit den Blättern der Koka Pflanze und der Engelstrompete, die hier an jeder Ecke wächst. Die berauschende Wirkung macht unruhig, redselig, der Pulsschlag erhöht sich und die sexuelle Lust wird verstärkt.
Wir tranken die Tassen leer. Luana stellte sie auf den kleinen Tisch, kam zu mir, kuschelte sich an mich und erzählte weiter:
>>Eines Abends kamen sie früher zurück, waren aber nicht alleine. Sie hatten zwei junge Frauen dabei.
Ich war im oberen Stockwerk, hatte sie kommen hören und mich schlafend gestellt. Nach einer Weile schleichte ich die Treppe hinunter. Aus einem Zimmer hörte ich leise Musik. Ich schaute durchs Schlüsselloch. In rotem Licht sah ich die vier nackt auf dem Bett liegen.
Sie küssten sich an ihren intimsten Stellen. Das Luststöhnen der Frauen war nicht zu überhören. Ich klopfte an die Tür. Es dauerte eine Zeit, dann ging die Tür einen Spalt breit auf und mein Mann lallte mich leise an:
Was willst du? Geh nach oben, ich komme bald zu dir. Er schloss wieder die Tür. Das Schlüsselloch hatte er mit irgendwas zu gehängt.
Heulend, traurig und wütend ging ich nach oben und legte mich ins Bett. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Ich war in einem fremden Land und kannte mich nicht aus.
Mein Mann war so verändert in der Schweiz, er kam mir so fremd vor. Ich hatte ihn geheiratet, damit ich versorgt war. Für mich war er eine Respektsperson. Wir hatten nie Sex miteinander.
Ich hatte mich nach Sex gesehnt, aber nicht mit diesem Mann.
Spät in der Nacht muß er gekommen sein, ich war eingeschlafen und habe ihn nicht kommen hören.
Morgens beim Frühstück hatte ich sie gefragt:
Was habt ihr gemacht? Ich habe euch gesehen mit diesen jungen Frauen!
Mein Mann saß da, starrte in die Ecke und sagte nichts. Mein Schwager herrschte mich an:
Wenn du was erzählst, töte ich dich!
Ja, so ist mein Schwager, immer Gewaltbereit.
Mein Mann sagte nur:
Lass gut sein Carlos, sie erzählt nichts.
Er sah mich mit ernster Miene an und meinte: Sei ruhig jetzt, Luana, es reicht!
Ich war wütend, still und hatte nichts erzählt.
Meinem Mann hatte ich verziehen, er war nur Mitläufer mit seinem besoffenen Kopf, aber den Respekt ihm gegenüber, den habe ich verloren.
Ich habe verziehen und Rache geschworen.<<
Luana stand auf, nahm die Teekanne und schenkte uns wieder nach. Sie gab mir eine Tasse und sagte:
Trink mein lieber Fremder, die Zeit der Rache ist gekommen. Sie kniete sich vor mir, streichelte mein Bart, stand wieder auf und legte Holz im Feuer nach. Sie erzählte weiter:
  >> Auf dem Rückflug nach Lima hatte ich, in einem kleinen Ritual, kontakt mit den Geistern aufgenommen und mit ihnen kommuniziert. Sie hatten mir dazu geraten Rache zunehmen, ich würde mich danach besser fühlen. Vor 14 Tagen habe ich, in einer heiligen Zeremonie, die Geister erneut gerufen. Sie sollten mir endlich jemand schicken, die meinen Rachegelüsten gerecht werden. Dann bist du gekommen, die Geister haben dich zu mir gebracht. <<
Ich war berauscht und verwundert. Luana zog ihr Kleid aus. Nackt kam sie zu mir, knöpfte mein Hemd auf und meinte:
Heute Nacht gehen wir auf eine Seelenreise, unsere erotischen Seelen werden sich vereinen.

Wie es weiter geht, das ist wieder die nächste Geschichte.

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