EXPEDITION YARO

Peru 1989
Teil 14

„GEFAHR IM NEBEL“

Es gibt gefährliche Situationen, in denen man große Angst hat. Angst um sein Leben, oder Angst, um etwas zu verlieren, was man liebt. Es gibt krankhafte Angst, die einem lähmt und es gibt die gesunde Angst, die, in der man vorsichtig wird und sehr aufmerksam auf die Dinge um sich herum.
Die Gefahr war mein ständiger Begleiter.
Ich hatte mich noch ein wenig mit dem kleinen Jungen unterhalten, der auf dem Felsen saß und in Piruro Nr.I seine Schafe hütete, bevor ich nach Tantamayo abstieg.
Er erzählte mir, dass er in
Coyllarbamba, einer kleinen Siedlung im Tantamayotal, zu Hause ist und dass er oft auch hier oben in den Ruinen bei seinen Schafen übernachtet. Auf die Frage, wie alt er ist, hat er mir seine zehn Finger entgegen gestreckt.
Ich hatte an die Kinder bei uns zu Hause denken müssen:
Morgens haben sie ein gesundes Frühstück, dann werden sie von der Mama in die Schule gefahren. Sie haben ein Pausenbrot dabei, oder sie werden in der Schule verköstigt. Nach dem Unterricht werden sie von der Mama abgeholt, bekommen ein gesundes Mittagessen. Dann Hausaufgaben und danach Spielen oder Fernsehen. Später gibt es noch ein Abendessen und in der Nacht ein gemütliches, warmes Bett.
Welch ein Kontrast, dachte ich.
Ich hatte, aus Interesse, in die Ruine geschaut. In einer Nische sah ich ein paar Decken aus der robusten Alpaka-Wolle. In der Nacht kann es hier oben, in knapp 4000 Meter Höhe, fürchterlich kalt werden. Nicht selten fällt die Temperatur auf diesen wolkennahen Felskämmen weit unter den Gefrierpunkt. Ich sah noch ein Kanister mit Wasser, zwei Kerzen und Streichhölzer und einen kleinen Stoffbeutel. Ich hatte ihn aus Neugier geöffnet, es waren Koka-Blätter. Schon im Kindesalter kauen die Indigenas Koka-Blätter, ihre Substanz unterdrückt Hunger und Kälte.
Und da der Junge lächelte und eigentlich glücklich aussah, wollte ich nicht länger darüber nachdenken, sonst hätte mich Wut und Traurigkeit überfallen.
Und wie heißt du? Fragte ich den kleinen Jungen weiter.
Gustavo! Sagte er und hat sich mit seiner kleinen Hand über den dreckigen Mund gewischt.
Gustavo, hast du die vier Männer gesehen? Fragte ich.
Ja, die haben heute Nacht hier geschlafen und die kommen auch wieder, die sind schon die ganze Woche hier! Sagte er und lächelte wieder.
Sind das Militär Soldaten?
Wollte ich von ihm wissen.
Nein, das ist kein Militär, die passen nur auf wenn jemand vorbeikommt! Erwiderte er.
Aahh, das ist Polizei? Fragte ich neugierig weiter und lächelte ihn an.
No es policía! Seine Stimme klang traurig.
Ich hörte auf zu lächeln und ich hörte auch auf zu fragen.
Ich hatte Gewißheit. Ich war auf ein Lager der Sendero Luminoso gestoßen. Piruro Nr.I hatten die Terroristen als Kontrollpunkt eingerichtet. Ganz schön raffiniert, dachte ich. Schon die Yarowilka hatten von hier aus alles unter Kontrolle und konnten weit in das Land schauen. Sie hatten ihre Städte in Sichtweite errichtet und konnten, wenn Gefahr drohte, ein akustisches oder sichtbares Signal geben.
Mich schauderte es und meine Gedanken überschlugen sich.
Schon kurz vor meiner Abreise zu Hause war mir ja klar, auf welches Abenteuer ich mich einließ. Ich war nicht nur auf einer „Reise in die Vorinkazeit“, ich war auch, wenn auch nicht ganz unfreiwillig, „Auf den Spuren des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfad“ unterwegs gewesen.
Dunkle Wolken zogen wieder aus dem Marañóntal herüber. Schnell verabschiedete ich mich von Gustavo, tätschelte seine Schulter.
Vaya con Dios Chico, machs gut kleiner. Er lächelte mir nach und ich stieg ab in Richtung Tantamayo.
Die Wolken zogen schnell herüber und verwandelten
Piruro Nr.II, die „Galerie des Todes“ in eine gespenstige Szenerie. In meiner Phantasie sah ich wieder die Mumien der verstorbenen Könige in den Nischen. Schnell ging ich vorbei. Die Sonne schaffte es immer wieder kurz durch eine Wolkenlücke zu blinzeln und malte mein Schatten in die helle Nebelwand. War es ein göttliches Zeichen? War es vielleicht „Jack“ mein Schutzengel?
Irgendwie hatte ich im Nebel einen anderen Weg
eingeschlagen, denn an Piruro Nr.III, dem verfallenen Wohnviertel der Yarowilka, kam ich nicht mehr vorbei. Plötzlich standen sie vor mir. Wie aus dem Nichts, kamen sie aus dem Nebel heraus und fletschten ihre Zähne. Es waren drei große Hunde. Ihr beigeweißes Fell zerschmolz mit der Farbe des Nebels. Ich konnte in ihnen keine wirkliche Rasse erkennen. Es waren keine Kampfhunde, es war irgendeine südamerikanische Plaza Mischung, sahen übel aus. Sie bellten lautstark und versuchten ihr Territorium zu behaupten. Ich war nicht ängstlich, aber ich war vorsichtig, meine Hundeliebe hatte ihre Grenze gefunden. Mein Glück war, sie griffen mich in der Gruppe immer von einer Seite an, sie hatten sich nicht verteilt. Ich nahm mein Rucksack in die Hand und bei jedem Angriff machte ich mich größer. Zum Glück hatte ich noch ein paar Steine gefunden und konnte mich so verteidigen.
Es dauerte eine ganze Weile bis ich an diesen Bestien vorbei war, dann ließen sie von mir ab und verschwanden im Nebel.
Wo war ich hingeraten? Auf welchem Weg war ich?
Fragte ich mich.
Ich stieg weiter bergab, das war immer die richtige Richtung.
Leichter Regen hatte den Nebel verdrängt und gab den Blick nach oben frei. Auf einer größeren Distanz konnte ich das verfallene Wohnviertel der Yarowilka erkennen. So war ich doch weit vom richtigen Weg abgekommen. Ich musste mich ein wenig rechts halten, um unten am Rio Tantamayo auf die Hängebrücke zu kommen.
Wie vom Blitz getroffen zuckte ich zusammen, mein Pulsschlag erhöhte sich abrupt, trotzdem ich bergab ging. Angst stieg in mir auf. Angst, dass ich gesehen werde. Es waren die vier bewaffneten Terroristen die, nicht weit weg von mir, auf dem richtigen Weg nach oben stiegen. Instinktiv duckte ich mich hinter einem nassen Strauch. Wasser tropfte von den Blättern auf meine Hand, aber es hörte auf zu regnen.
Plötzlich liebte ich den Nebel, der mich auf den falschen, aber dennoch richtigen Weg führte. Ich liebte diese wilde Bestien,
die mich eine Zeit lang beschäftigten. Wäre all das nicht gewesen, ich wäre den Terroristen direkt in die Arme gelaufen.
War es göttliche Vorsehung?
Ich dachte an meinen Konfirmationssppruch aus den 60er Jahren.
Psalm 23, Absatz 3 und 4 aus der Luther Bibel,
die Studienfassung:
3.) Meine Lebenskraft bringt er zurück, und er führt mich auf richtigen Pfaden, um seinem Namen gerecht zu werden.
4.) Auch wenn ich durch das Tal des Todesschattens gehe, fürchte ich keine Gefahr denn du, du bist bei mir. Deine Keule und dein Stab geben mir Zuversicht.
Aber noch mehr bewegte mich der Bibelspruch des „Buches Josua/Kapitel 1.9“,
das da heißt:
Sei mutig und entschlossen!
Lass dich nicht einschüchtern, und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.
So langsam wurde ich zum „Heiligen Cheo“, und meine heilige Schrift lautete aus dem Kapitel 1.1:
„Das schlimmste was mir passieren kann ist, dass ich nichts erlebe“.
Mit all diesen Gedanken stieg ich nach einer Weile hastig bergab, immer etwas rechts haltend und immer zurückschauend, ob mir jemand folgt.
Bergab geht es immer schneller, so ging ich nach gut einer Stunde über die Hängebrücke und nach weiteren 20 Minuten war ich wieder in Tantamayo. Als ich das Hoftor meiner Unterkunft öffnete, dämmerte es schon. Der Hahn stand vor mir und krähte, „äh äh ähh äähhhtsch“ und seine geilen Hühner stolzierten über den Lehmboden und pickten Grünzeug auf.
Oh Gott, wie liebte ich diesen bekannten, schrecklichen Klang, der mich am frühen Morgen aus meinem erotischen Albtraum holte. Es war ein Klang der Sicherheit, der Geborgenheit.
Nachdem ich mich am Waschplatz frisch gemacht hatte, brachte mir mein Gastgeber „Señor Ortéga“ das Abendessen, es gab Nudeln mit Fleisch bei Kerzenlicht. Señor Ocaña lächelte und fragte:
y como estuvo tu dia, que te parece?
(und wie war dein Tag, was denkst du?)
Ich erzählte ihm von der Galerie des Todes, von den vier bewaffneten Terroristen, von dem kleinen Gustavo und von dem Erlebnis mit den Hunden im Nebel. Und ich erzählte………
Das Abenteuer zog mich in seinen Bann. Ich wollte mehr wissen von dem geheimnisvollen, unbekannten Volk der Yarowilka und von dem kleinen Dorf in dem toten Winkel der peruanischen Ost-Anden.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte

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