EXPEDITION YARO

Peru 1989

Teil 6

FLUCHT NACH GARO 

Langsam ging ich den zwei Männern hinterher. Sie waren etwa so groß wie ich, hatten dunkelschwarze, glänzende Haare und tiefbraune Gesichter. Das Alter konnte ich schlecht schätzen, vielleicht so um die 40. Wir liefen ein paar Meter die Straße hoch. Links ging ein Weg ab, das musste der Weg nach „Garo“ sein. Wir gingen ein stückchen weiter, dann links durch einen Hof in eine Hütte. Tisch, Bank und ein paar Stühle standen da auf dem Lehmboden rum. 
Es gab noch eine offene Tür, das war wohl die Tür zur Küche, in der der eine Mann verschwand. 
Setz dich doch „Gringo“! Sagte der andere Mann. Mir gefiel es nicht, wie er sagte: „Gringo“, aber er lächelte dabei und da war das erstmal in Ordnung. Ich setzte mich außen auf die Bank und er nahm ein Stuhl und setzte sich genau mir gegenüber. 
Como su nombre? fragte er mich. (Wie ist ihr Name?) Ich antwortete ihm in Quechúa, damit er merkt, dass ich aufgeschlossen gegenüber dem Land bin, dass ich die Kultur und die Menschen mag. 
Ima su tikuni Walter! sagte ich. Und wieder war da das Lächeln in seinem Gesicht. Du sprichst Quechúa? fragte er mich. Ja, ein paar Wörter! sagte ich. Inzwischen kam der andere Mann mit einem Teller Reis, Bohnen und Eier zurück und stellte ihn vor mir auf den Tisch. Da ich noch nicht gefrühstückt hatte, kam es mir gerade recht. 
Comé señor, comé! 
(Iss Herr, iss!)
Ich hatte mit den Fingern gegessen, denn eine Gabel gab es nicht. Plötzlich sah ich Leute in den Hof laufen. Männer, Frauen, Indigenes. Manche hatten Musikinstrumente mitgebracht. Einer hatte eine Harfe und trug schwer. Die anderen hatten Gitarren, Trompeten, Querflöten und Schlag-Instrumente dabei. Als ich fertig gegessen hatte, gingen wir in den Hof und die Leute fingen an zu musizieren. Was sie spielten, kannte ich nicht. Es war keine typische Andenfolklore, nein, es war etwas Fremdartiges. Ich konnte es keiner Musikrichtung zuordnen. Aber es hatte Rhythmus. Die Indigenen fingen an sich zu bewegen, sie tanzten. Eine junge Frau tanzte mich an und streckte ihren Arm aus. Sie forderte mich auf mit zu tanzen. Ich konnte dieser indigenen Schönheit keinen Korb geben, schließlich ist man freundlich gegenüber Fremden, auch vor allem einer fremden Kultur. Also bewegte ich mich auch zu diesen fremdartigen Klängen. Ich sah den Stolz in Ihren tiefbraunen Augen und sie tanzte immer wieder um mich herum. Ihre langen, blauschwarzen Haare flogen durch mein Gesicht und sie brachte ihre ausgeprägten, erotischen Rundungen mit in die tanzenden Bewegungen. Ihre festen Brüste streiften immer wieder über mein Rücken. Während ich mich tanzend bewegte, hatte ich ein ungutes Gefühl, aber nur in meinem Kopf. Ich fragte mich: 
Was ist das für ein Fest? Ist das ein rituelles Fest? 
Es gibt viele regionale Feste und Rituale in entlegenen Regionen, die kaum ein Fremder kennt. Plötzlich hörte die Musik auf zu spielen und die Leute versammelten sich um einen Mann herum, der gerade gekommen war. Meine tanzende Schönheit verschwand in der Hütte. 
Es gab ein riesen Palaver um den Mann drumherum, sie sprachen Quechúa, ein Dialekt aus der Region, den ich nicht kannte. Ich konnte immer nur das Wort „Gringo“ verstehen, offenbar ging es um mich. Die Versammlung öffnete sich und ein Mann kam mir entgegen und hatte eine Machete in der Hand, er sah sehr verärgert aus. Ich dachte, jetzt wird es Zeit zu verschwinden. Schnell packte ich mein Rucksack und meine Fototasche, rannte durch die Leute aus dem Hof heraus und der Mann mit der Machete mir hinterher. Ich bog rechts ab in die Richtung, wo die Ruinen der Yarowilka stehen. Vierhundert Höhenmeter waren es noch von Choras aus bis zu den Ruinen. Ich lief schnell bergauf, drehte mich immer wieder um. Den Mann konnte ich durch die Felsen nicht mehr sehen. Aber ich fühlte mich immer noch verfolgt, deswegen lief ich schneller. 
Nach knapp einer Stunde hatte ich „Garo“, die Hauptstadt der Yarowilka erreicht und hatte mich ganz oben hinter einer Mauer versteckt. Von hier aus hatte ich einen guten Überblick über die Ruinen und ob mir jemand gefolgt war. Endlich konnte ich mich ausruhen und konnte über alles nachdenken, was mir da widerfahren ist. 
   Mir viel ein Buch ein, das ich mir noch vor dieser Expedition gekauft hatte. Es hieß „Zu Ehren der Götter“ (Menschenopfer in den Anden). Es handelt von der Tradition des rituellen Menschenopfers und dass diese Tradition auch heute noch existiert. Meine Gedanken pulsierten, machten Bocksprünge. Sollte der Teller Reis mit Bohnen und Eier eine Henkersmahlzeit gewesen sein? Und war dieser Tanz mein letzter Tango? Mir schauderte es, als ich an die alte Indigene in Huánuco dachte, die mir zu rief: Hola Gringo, a donde viajes? vas a morir! (Hallo Fremder, wohin reist du? Du wirst sterben!) . Ich wollte nicht mehr darüber nachdenken.
Es fing an zu regnen. Ich zog mein Regenponcho aus meinem Rucksack, der auch ein Notzelt war, stülpte ihn über mich und kauerte neben dieser Mauer einer Ruine. Immer wieder mal schaute ich um die Ecke, ob ich verfolgt wurde. Es war niemand zusehen. Kein Mensch. Nichts. Ich war alleine in der Hauptstadt der Yarowilka in 4000 Meter Höhe. 
Als der Regen nachließ, ging ich durch die Ruinenstadt. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es waren Häuser aus Bruchsteinen, die mit Mörtel verbunden wurden. Manche Gebäude waren mehrstöckig hochgezogen. Eine enorme Leistung lange vor der Inka-Zeit. (Die Römer waren die ersten in Europa, die mehrstöckige Häuser bauten.) Die Mauernreste weiter unten hatten runde und ovale Formen, die aneinander verbunden waren. Es war wohl das Handwerkerviertel. Aber ein Gebäude hat mich besonders beeindruckt. Es war das Haus mit den drei Kreuzen. War es ein Symbol für das „Kreuz des Südens“, ein Sternbild das hier im Süden besonders stark leuchtet? Das Kreuz des Christentums kam lange Zeit später. Viele Fragen bleiben hier offen. Über zwei Stunden hatte ich mich in der Ruinenstadt aufgehalten. Durch den schnellen Aufstieg hatte ich Kopfschmerzen und etwas Nasenbluten. Erste Anzeichen für die Höhenkrankheit „Soroche“?
Oder war das noch von meiner Erkältung her?
Ich wollte schnellst möglich wieder in tiefer gelegene Regionen absteigen und plante meinen Rückweg nach Chavinillo, aber weit an der kleinen Siedlung Choras vorbei.

Aber das ist schon wieder die nächste Geschichte.
 

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