EXPEDITION YARO

Peru 1989

Teil 8

Die Hauptstraße in Chavinillo

 „DIE ALTE KREOLIN“ 

 Die Hühner wurden sehr früh wach an diesem Morgen. Ich bewegte mich in meinem Schlafsack hin und her, hatte leichte Kopfschmerzen und dachte, ich hätte eine Schlange gefühlt, während ich mich umdrehte. Ich zog langsam mein Arm heraus und strich von außen über meinen Schlafsack. Das was ich fühlte, waren wohl die Reste eines erotischen Traumes in der Nacht und das gekrähe der Hähne draußen, kam mir vor wie ein Gelächter. 
Aber jetzt im Ernst, hier in den Ost-Anden gibt es der Sage nach eine Schlange Namens „Chuchúpe“, sie würde Menschen verfolgen und bellen wie ein Hund. 
Manchmal können „Sagen“ Wirklichkeit sein. 
Aber ich glaube, dass sich in dieses schäbig staubige Zimmer ohne Fenster, ohne Licht und Wasser, keine Schlange verirren würde. 
Schnell krabbelte ich aus meinem Schlafsack, packte alles zusammen in meinen Rucksack. Ich schüttelte meine Klamotten und meine Stiefel aus, falls sich doch irgendein Getier wohlfühlen würde, schlupfte hinein und zog mein Rucksack über die Schulter. Meine Fototasche nahm ich in die Hand und ging hinaus ins Freie. Ohje, in der Nacht hatte es geregnet. Die Straße war schlammig. Ich blieb auf der Seite und sah gerade ein Indigene in die kleine Bar gehen. Oh, die alte Kreolin hat schon geöffnet, gute Gelegenheit für ein Frühstück, dachte ich und ging an der Seite des Weges entlang. Als ich in der Tür der kleinen Bar stand, wurde es drinnen dunkel. Im Schein der Petroleumlampe sah ich ein Mann sitzen, der gerade eine Flasche ansetzte zum Trinken. Es war etwas undefinierbares Alkoholisches. Als er mich in der Tür stehen sah, stoppte er kurz seine Handbewegung und dann nahm er einen kräftigen Schluck. Mit „Hola Gringo“ begrüßte er mich. Mit einem „Hola Hombre“ und einer kurzen Handbewegung an meinen Hut, grüßte ich zurück, nahm mein Rucksack von der Schulter und setzte mich an den Nebentisch. 
In entlegenen Regionen ist der Alkoholkonsum unter der indigenen Bevölkerung sehr groß. Nicht selten sieht man schon am frühen Morgen betrunkene Indigene umherlaufen. 
Er war auf dem besten Weg dahin, aber solange er mich in Ruhe lässt, war es mir egal. Die alte Kreolin kam gerade aus der Küche heraus. 
Buenos días Señora! 
Ich begrüßte sie und sie rief:
„Hola, como estas, du schon wieder?
(Ich war am Abend zuvor der letzte Gast und an diesem Morgen fast der erste) 
Können sie mir ein Koka- Tee machen und haben sie ein Frühstück? fragte ich sie. 
Oh natürlich! sagte sie. Ihr Lächeln war sehr herzlich im Schein der Petroleumlampe und im Lichteinfall der offenen Tür. Ein Fenster gab es nicht in der kleinen Bar. Und sie meinte weiter, „ich habe Reis, Bohnen, Eier und Hühnchen! 
Oh gut, dann bringen sie mir ein Teller Reis mit Bohnen, Eier und Hühnchen! rief ich ihr zu. 
Sie kam zu mir an den Tisch, legte ihre Hand auf meine Schulter und meinte:
Ich glaube du hast Hunger?
Ja habe ich! Sagte ich. Ihre langen, dunkelschwarzen Haare streiften über mein Gesicht, als sie sich umdrehte und in der Küche verschwand. Ich ging ihr hinterher und als ich in der Tür zur Küche stand, fragte ich sie:
Señora, könnte ich mich bei ihnen etwas frisch machen? 
Ja natürlich, komm durch, hier hinten im Hof ist der Waschplatz! Sagte sie lächelnd. Ich ging durch die rauchige Küche, vorbei an hängenden, verkohlten Töpfen und Pfannen und einer offenen Feuerstelle, in den kleinen Hinterhof und sah ein Trog aus Beton mit einem Wasserhahn darüber. Da wurden die Wäsche, das Geschirr und die Töpfe und Pfannen gewaschen. Die Leitung des Wasserhahns führte zu einer Zisterne, ebenfalls aus Beton, in der das Regenwasser aufgefangen wurde. Die beste Lösung an sauberes Wasser zu kommen in dieser entlegenen Region. 
Schnell zog ich mein Hemd aus, legte mein Hut und meine Brille zur Seite und hielt mein Kopf bis fast meiner Schulter unter den laufenden Wasserhahn. Es war sehr erfrischend. Mit meinen Händen rieb ich das Wasser von meiner Haut und meinen Haaren und strich nochmal über meinen Kopf. Ich drehte mich um, wollte gerade mein Hemd anziehen und da hörte ich ein leises, verlegenes „Buenos Dias Señor“. Noch im offenen Hemd setzte ich mein Hut auf meinen nassen Kopf. Vor mir stand eine junge Frau mit halblangen, lockigen und tiefschwarzen Haaren. Sie trug Wäsche in einem Korb. Schüchtern blickte sie auf den Boden. Schnell setzte ich meine Brille auf und sagte:
Hola, buenos días, wer bist du denn? 
Ich bin „Rosa“! Sagte sie leise und schaute mir in die Augen. Die Verlegenheit in ihrer Stimme konnte ich deutlich hören. aber ihre tiefbraune Haut ließ keine Röte zu. Barfuß stand sie vor mir. Ihr schwarzer Rock war knielang und der Ausschnitt ihrer roten Bluse zeigte den Ansatz ihrer wohlgeformten, kleinen und festen Brüste. 
Sie legte die Wäsche bei Seite und setzte sich lasziv
auf den Rand des Waschtroges, immer noch zu mir schauend. 
Was für eine erotische Situation am frühen Morgen, dachte ich mir. Träumte ich noch? 
Ich knöpfte mein Hemd zu und mit einer kurzen Handbewegung an meinen Hut ging ich lächelnd durch die Küche zurück an meinen Tisch. Der Koka-Tee stand schon da und gleich drauf kam die alte Kreolin, brachte mir das Essen und setzte sich zu mir. 
Was machst du hier? 
Wohin willst du denn?
Wie heißt du eigentlich?
Und wie alt bist du denn? 
Fragen prasselten auf mich ein wie ein Lauffeuer. 
Während ich im Reis rumstocherte sagte ich:
Ich heiße Walter, bin 34, ich will nach Tantamayo und will die Ruinen der Yarowilka besuchen! 
Und wie heißt du und wie alt bist du? Fragte ich gleich nach. 
Ich bin 38 und heiße „Rosa Campo González“!
Ehm Rosa? Fragte ich nach und deutete auf den Hof. 
Oh „Rosa“, du hast meine Tochter schon gesehen! Sagte sie. 
Ehrlich gesagt, aus meinen jungen Augen hatte ich sie weit älter geschätzt. Sie war gerade mal 4 Jahre älter als ich. Aber das harte Leben in dieser entlegenen Region läßt einem ganz schön alt aussehen. 
Und sie erzählte weiter, hatte mir quasi ihr Herz ausgeschüttet. 
Rosa, meine Tochter, ist jetzt 22. Ein Mann hatte mich damals vergewaltigt.
Ich ließ meine Gabel los und legte meine Hand auf ihre Hand und sagte:
Oh, das tut mir leid!  
Sie schaute mir in die Augen und legte ihre Hand auf meine Hand. Aus ihren schwarzen Augen kullerten Tränen über ihre tiefbraunen Wangen. 
Rosa, ihre Tochter, kam zu uns an den Tisch und rief:
Mama, alles in Ordnung? 
Jaja Liebes, alles in Ordnung! Sagte sie traurig und immer noch meine Hand haltend. 
Der Mann am Nebentisch war eingeschlafen, die Flasche, die vor ihm stand, war leer. 
Eine traurige, erotische Stimmung lag in der kleinen Bar. Ich fragte die junge Rosa, wann die LKWs hier durchkommen nach Tantamayo. Sie setzte sich auf die Tischkante, stellte ein Fuß auf ein Stuhl und zog ihren Rock etwas hoch, sodass der Blick zu ihrem roten Slip frei wurde und sagte:
Die Camionettas, die heute Morgen hier durchkommen fahren alle nach „La Union“, heute Nachmittag kommen die LKWs, die nach „Tantamayo“ fahren! 
Sie sprach nicht mehr leise, auch nicht mehr verlegen. 
Sie lächelte mich an. In ihrem Blick war was Bestimmendes, sehnsüchtiges. 
Die alte Rosa meinte weinerlich:
Bleib doch Gringo, du passt zu uns! 
Eine Traurigkeit kam über mich. Ich war verwundert und sprachlos. Sie muss mich wohl durch die Küche beobachtet haben, wie gelassen ich mich bewegte und wie wohl ich mich bei ihnen fühlte. 
Aber die Sucht, die unheilbare Sucht nach Abenteuer trieb mich weiter in den toten Winkel der peruanischen Ost-Anden. 

Aber das ist wieder die nächste Geschichte. 

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