EXPEDITION YARO

Peru 1989

Teil 16

„Luanas Befehl“

Das Wasser glitzerte grün und türkis. Es war die einzige Stelle in der Schlucht des Rio Tantamayo, die die Sonne erwärmte. Luana und ich saßen am Rande der kleinen Sandbank, streckten unsere Füße in das kalte, türkise Wasser und redeten über das indianische Leben in dieser Abgeschiedenheit, über den Terror, der das Land und ihr Volk zerriss. Ihre Stimme klang dunkel und traurig, aber auch sehr erotisch. Sie übertönte das helle plätschern des kleinen Wasserfalls hinter uns. Luana spielte mit ihren Händen im Wasser, ihre Handflächen waren deutlich heller als ihre Haut. Sie knöpfte ihre Bluse auf und ließ das kalte Wasser über ihren Busen tröpfeln. Ihre fast schwarzen Nippel wurden größer und zeichneten sich deutlich aus dem helleren Vorhof heraus. Sie lehnte sich zurück, stützte sich mit ihren Armen ab und ließ ihre schwarzen Haare in den Sand fallen.
Irgendwie kam mir ihr Stil bekannt vor.
Hast du Kinder? Fragte ich  sie.
Nein, noch nicht, aber es wird Zeit welche zu kriegen! Sagte sie und lächelte mich an.
Luanas indianische Geilheit, dieses Fremde, dieses erotische in ihrem Wesen, faszinierte mich.
Schon immer, auch in meinen früheren Jahren, hatte ich das Fremde, das Geheimnisvolle, das Gefährliche gesucht.
Wie war das noch, damals
im März 1979. Mit meinem schwarzen Golf GTI fuhr ich über eine Regennasse Landstraße in der West-Schweiz. Ich war unterwegs zu einem Berg Film Festival in Montreux und wollte erst einen Abstecher in das Wallis machen. Ein Arbeitskollege hatte eine Zweitwohnung in Anzère, in der Nähe von Crans Montana in den Walliser Alpen und war in Urlaub da.
An einer Ampelkreuzung mußte ich bei Rot anhalten. Auf der linken Spur, neben mir, stand ein weinroter Bentley. Drinnen saß eine schöne, junge Frau mit langen schwarzen Haaren auf dem Beifahrersitz. Hinter dem Steuer saß ein älterer Herr und schaute aufgeregt umher. War es ihr Mann oder ihr Chef? Fragte ich mich. Auf jeden Fall waren sie keine Erholungsreisende. Es war Mittwoch und Mittwochs fährt man nicht in Urlaub, schon garnicht mit einem weinroten Bentley.
Die Frau sah mich an. Es war ein trauriger, ein hilferufender Blick. Unsere Blicke trafen sich  draußen zwischen den Fensterscheiben. Ein Lächeln, ein zwinkern, ich gab Gas und weg war ich. 
In Martigny Centre Ville fuhr ich in die Tiefgarage des Hotel Central, wo ich mir ein Zimmer gebucht hatte. Ich holte gerade meinen Rucksack aus dem Kofferraum und da kam der weinrote Bentley herein gefahren. Nanu, dachte ich, verfolgen die mich?
Die Frau lächelte mir zu und der Mann streckte den Kopf und suchte einen Stellplatz für seinen großen Schlitten. Ich verschwand im Aufzug zur Rezeption und hatte eingecheckt.
Nach dem Abendessen saß ich noch am Tresen der Lounge und trank ein  „Châteauneuf-du-Pape“,  einen edlen Rotwein. Ich wollte zum trinken ansetzen, da ging die Tür auf und die junge Frau kam mit ihrem Anhängsel herein, setzten sich nicht weit von mir an einen Tisch. Unsere Blicke trafen sich wieder, wir flirteten eine ganze Weile mit den Augen. Die Lounge Box spielte „Blue Moon“ von Tony Bennett, eine sehr erotische Stimmung lag in der Luft, es knisterte gewaltig. In der Zwischenzeit hatte ich einen kleinen Zettel vorbereitet, hatte drauf geschrieben „Zimmer Nr. 7“.
Ich trank aus, bezahlte meine Rechnung und beim vorbeigehen ließ ich mein Autoschlüssel fallen. Sie bückte sich, ich bückte mich. Es war die beste Gelegenheit. Beim aufstehen hatte ich ihr den Zettel überreicht. Sie versteckte ihn gleich in ihrer Hand. Ich war ziemlich aufgeregt, sie hätte mich auffliegen lassen können. Ich hatte Glück, ich hatte ihren Flirt mit den Augen richtig gedeutet.
Oh, Entschuldigung! Sagte ich, zwinkerte mit ihr kurz, ging weiter aus der Hotel Lounge direkt in mein Zimmer.
Für unvorhersehbare Wartezeiten hatte ich immer etwas zum Lesen dabei. Ich laß das Buch „Reisen ohne anzukommen“ von Ernesto Grassi. Eine Konfrontation mit Südamerika.
Es dauerte eine ganze Weile. Erst gegen ein Uhr nachts klopfte es leise an meine Tür. Ich legte das Buch weg und machte langsam die Tür auf. Oh ja, da war sie. Ihre schwarzen Haare hingen über einem roten Bademantel. Ihr braunes Gesicht, die hohen Backenknochen, ihre Stupsnase und die schmalen Lippen. Sie war so schön.
Sie schaute etwas ängstlich zurück und kam dann gleich in mein Zimmer.   Bonjour monsieur, je suis Sandra ! Sagte sie leise. Die Freundlichkeit der Franzosen hatte mich schon immer fasziniert. Aber Sandra war ein Insel-Mädchen aus Mauritius, wohnte in Paris und war mit ihrem Chef unterwegs zu einer Tagung in Zermatt.
Wir küssten uns  leidenschaftlich. Vorsichtig zog ich ihren roten Bademantel über ihre Schulter. Sie war nackt. Unsere Lippen lösten sich und ich ging langsam in die Knie. Ich küsste ihren Hals, ihre geilen Brüste an der Unterseite und ihre fast schwarzen, festen Nippel, die sich deutlich absetzten vom hellen Vorhof. Sie redete kaum. Ihr Parfüm roch nach süßem Holz. Sie zog mich wieder hoch, führte mich zum Bett und……….
Ihr Luststöhnen in der Nacht höre ich heute noch in manchen Träumen.
Gegen fünf Uhr morgens schlich sie aus meinem Zimmer und verschwand aus meinem Leben.
Genau derselbe Typ Frau saß jetzt, zehn Jahre später, neben mir auf einer kleinen Sandbank im Rio Tantamayo, in den peruanischen Ost-Anden
und lächelte mich an.
Zieh dich aus Gringo, ich will dich haben!
Luanas Befehl war erotisch
und direkt. Manchmal muss man Befehle befolgen und dieser erotischen Anweisung konnte ich nicht widerstehen.
Engumschlungen, nackt und geil, lagen wir auf der kleinen Sandbank. Wir bemerkten nicht die dicken Wolken, die vom Marañóntal herüber zogen.
Wir küssten uns leidenschaftlich und spielten miteinander. Ich ließ etwas Sand auf ihren Busen rieseln, ein geiler Kontrast, der helle Sand auf der braunen Haut. Sie setzte sich auf mein Becken und spielte sich auf ein Rhythmus ein, der mich wahnsinnig machte. Plötzlich gab es ein Blitz, ein Knall und es fing fürchterlich an zu regnen. Wasser ohne Ende. Schnell griffen wir unsere Sachen zusammen und schlupften in die kleine Felsenhöhle hinter dem Wasserfall.
Viel Platz war nicht in der  Höhle. Zärtlich ineinander verschlungen im „Coitus Reservatus“ warteten wir über eine Stunde, bis das
Naturschauspiel zu Ende war. Die kleine Sandbank war verschwunden. Der Fluß hatte gewaltig an Wasser zugenommen. Wir zogen unsere feuchten Klamotten an, kletterten am Fluß entlang und hoch zur Hängebrücke.
Komm doch mit zu den Kühen, sagte Luana, ich mache ein Feuer, wir können unsere Klamotten trocknen. Für den „Cerro Celmin“, da wo du hin willst, ist es jetzt viel zu spät.
Es war 12.00 Uhr Mittags. Es war wirklich zu spät.
>Ich geh mit Luana zu den Kühen, dachte ich, so bekomme ich auch ein besseren Einblick in ihre erotische Seele und in ihr Leben.<
Si, vámonos! Sagte ich, gehen wir zu den Kühen.
Die Wolken hatten sich verzogen, die Sonne schien, aber es war merklich kühler, vor allem im Schatten und mit den nassen Klamotten sowieso.
Meine Stiefel trieften vor Nässe wie Luanas schwarzen Haare, die sie zu einem Zopf zusammen gebunden hatte. Sie lächelte mich an und sagte:
Morgen begleite ich dich zum „Cerro Celmin“! Es ist besser wenn du jemand aus dem Dorf, einen Einheimischen, dabei hast, meinte sie, es ist zu deinem Schutz, ich will nicht, dass dir hier etwas passiert! 
>Ich konnte mir keinen besseren Schutz vorstellen.<
Und dein Mann? Fragte ich neugierig.
Oh, der kommt erst spät am Abend zurück, bis alle Fragen um die Leiche des Bürgermeisters geklärt sind, das dauert! Sagte sie  lächelnd.
Warum tut sie das?
Warum betrügt sie ihren Mann mit einer Selbstverständlichkeit, der nicht der Mentalität der Indigenas, der Quechúa entspricht. Die Quechúa sind zwar ein fröhliches Volk, aber doch zurückhaltend und etwas misstrauisch gegenüber Fremden.
Diesen Fragen wollte ich nachgehen. So war ich doch, wenn auch ungewollt, auf einer Forschungsreise in die indianische Erotik innerhalb meiner Expedition zur Yarowilka Kultur.
Luana war mein Forschungsprojekt, phantasievoll, tabulos, und sehr leidenschaftlich.
Eine Viertelstunde später waren wir bei den Kühen. Die Sonne hatte sich hinter ein paar Wolken versteckt.
Acht Kühe standen in einem Corral, ein etwa 500 Quadratmeter große Grünfläche, mit einer Steinmauer umgrenzt, verbunden mit einer kleinen Hütte aus Steinen. Es waren die gleichen Bruchsteine, mit den die Yarowilka ihre Häuser gebaut hatten. Neben der Hütte lag noch ein großer Steinhaufen. War das vielleicht eine zusammengefallene Ruine der Yarowilka? Haben die Quechúa ein Corral für ihre Kühe gebaut, aus den Resten einer Ruine?
Hier in dieser abgeschiedenen Region, reihten sich die Siedlungen der Yarowilka wie Perlen an eine Schnur. Viele Ruinen liegen noch im verborgenen und warten auf ihre Entdeckung.
Luana und ich gingen in die Hütte. Getrocknete Kuhfladen lagen in einer Ecke neben einer Feuerstelle. Ein Tisch und ein Stuhl in der anderen Ecke, neben einem kleinen Schlafplatz mit Alpaka-Decken.
Luana zog aus ihrem kleinen Rucksack ein Lunchpaket hervor und machte Feuer aus den getrockneten Kuhfladen. Sie lächelte mich an und sagte:
Zieh dich aus!
Meine Reise in Luanas geheimnisvolle, erotische Seele begann.

Aber das ist schon wieder die nächste Geschichte

Die Sandbank im Rio Tantamayo

EXPEDITION YARO

Peru 1989
Teil 15

„EIN VOLK DER BERGE“

Die Nacht war kurz. Ich hatte mir einen leichten Schlaf angewöhnt und durch Geräusche, irgendwelche Bewegungen von draußen, wurde ich wach. Es war kein schöner Albtraum, es war auch nicht Rudi, der geile Gockel, ich hatte dem Hahn am Abend einen Namen gegeben, er weckte mich nicht mit seinem fürchterlichen gekrähe. Es war zwei Uhr. Rudi schlief noch. Es waren Geräusche, die nur von Menschen sein konnten. Leises, fremdes Gemurmel. Dumpfe
Schritte.
Ich zog mich an und öffnete leise die Tür. Im Hof war alles ruhig, meine Gastgeberfamilie schlief noch. Ich trat langsam ins Freie. Es war Vollmond und die Sterne funkelten durch ein Loch in den Wolken. Das Kreuz des Südens war deutlich zu sehen, ein Sternbild, das hier oben besonders stark leuchtet. Die Geräusche kamen von der Strasse. Langsam und verhalten ging ich weiter zum Hoftor und schaute durch eine Ritze. Dunkle Gestalten bewegten sich zwei Meter entfernt an mir vorbei. Sie bemerkten mich nicht hinter dem Tor. Schemenhaft konnte ich ihre Waffen erkennen. Es waren Terroristen, ein bewaffneter Trupp des Sendero Luminoso. In den Nächten waren sie immer sehr aktiv. Wie Tiere schlichen sie durch das Dorf. Meine Gedanken ratterten durch mein Kopf.
Was geht hier ab?
Wohin gehen sie?
Was haben sie vor?
Fragen, die mich neugierig machten.
Als die letzten an mir vorbei waren, kletterte ich über das Tor und folgte ihnen vorsichtig. Das Mondlicht zeichnete meinen dunklen Schatten auf den Lehmboden.
Es war „Jack“ mein Schutzengel. Geduckt an der Seite des Weges schaute ich mich immer wieder um. Es könnte ja sein, dass noch ein paar Terroristen nachkommen und mich entdeckten.
Es waren etwa sechs oder sieben Mann, die in ein großes Haus eindrangen. Lichtstrahlen von Taschenlampen flackerten umher. Es war ein großer Tumult zuhören.
Stimmen. Schreie. Dann ein Schuss. Stille.
Schnell lief ich zurück und   kletterte wieder über das Tor. Es war noch alles ruhig, bis auf ein wenig geflatter aus dem Hühnerstall. Rudi regte sich und ich legte mich zurück in mein Schlafsack.
Heute morgen sah ich sie das erste Mal, die Frau des Hausherrn. Sie brachte mir das Frühstück an den Tisch.
Buenos Días Señor, como estuvo su noche, dormienta  bien? Fragte sie mich.
(Wie war ihre Nacht, schliefen sie gut?)
Die Frau war hübsch, eine reinrassige Quechúa Indigena und sie war jung.
Sie hatte ihre langen schwarzen Haare zu zwei Zöpfen geflochten. Ihre schwarzbraunen Augen leuchteten wie zwei Diademe. Ihre Stupsnase, die schmalen Lippen, die hochliegenden Backenknochen, gezeichnet auf tiefbrauner Haut.
Die Quechúa sind, wie damals die Inka und die Yarowilka, ein Volk der Berge. Ich fing an zu schmelzen.
Ein Löffel viel runter. Schnell stand ich vom Stuhl auf, bückte mich zu dem Löffel und hob ihn vom Lehmboden auf.
Disculpe Señor! Sagte sie und ging ein Schritt zurück.
Todos esta bien! Sagte ich lächelnd, wischte mit meinen Fingern über den Löffel und blickte zu ihr.
Sie trug ein formloses, rotes Kleid mit langen Ärmel und zugeknöpft bis zum Hals. Unter dem Stoff verbargen sich Reize, erotische Rundungen, die ich nur erahnen konnte. Sie bemerkte mein Blick, dass ich sie musterte, ja förmlich mit meinen Augen ihr Kleid aufknöpfte.
Und es gefiel ihr. Sie drehte sich etwas zur Seite, so dass sich der zoom meiner Augen auf ihren Busen richtete. Ihre geilen Rundungen mit den scharfen Spitzen brauchten keine Unterstützung.
Con permiso Señor! Sagte sie lächelnd verlegen und ging zurück in die Küche.
Rudi, der Hahn, stand vor mir und sah mir beim frühstücken zu.
Halt du dein Schnabel, ich weiß, die Morgengeilheit ist eine schöne Sache! Sagte ich. Die Hühner hinter ihm gackerten und pickten Grünzeug auf. Rudi drehte sich um und, äh äh ähh äähhhtsch.
Blöder Hahn! Rief ich.
Die schöne Señora kam aus der Küche.
Con quién estás hablando, Señor?
(Mit wem reden sie?)
Ich deutete mit meinem Finger auf den Hahn.
Ihr herzhaftes, liebliches Lachen höre ich heute noch in meinen Träumen.
Dónde está el Señor Ocaña?
Fragte ich sie.
(wo ist ihr Mann?)
Oh, mein Mann ist heute morgen ganz früh nach Huánuco gefahren, er muss was erledigen, er wird erst morgen wieder zurück sein, erzählte sie mir.
Mir war aufgefallen, dass sie drei Knöpfe ihres Kleides geöffnet hatte und gab jetzt den Blick frei auf ihre erotische Seele. Ein geiler Blick.
Ima su tiki? Fragte ich sie direkt.
(wie ist ihr Name?)
Oh, sie sprechen unsere Sprache? Fragte sie und setzte sich zu mir.
Naja, ein paar Wörter, sagte ich verlegen.
Und sie antwortete:
Ima su tikuni „Luana“!
(ich heiße „Luana“!)
Was machen sie hier eigentlich?
Wohin wollen sie?
Woher kommen sie?
Ich hatte es geschafft. Ich hatte ihre Neugier geweckt.
Ich bin hier, weil ich die Kultur der Yarowilka kennen lernen will und die Menschen, die hier leben. Ich war gestern in Piruro. Und heute will ich zu dem seltsamen Gebilde oben auf dem Berghang. Ich habe es von Piruro aus deutlich gesehen. Es sieht aus wie eine Eisenbahn. Ich erzählte ihr von dem gestrigen Tag, von der Galerie des Todes, von den bewaffneten Terroristen und von den Hunden im Nebel. Sie sah mich an.
Und von wo sind sie?
Und wie ist ihr Name?
Fragte sie mich noch mal.
Ich heiße Walter und komme aus Deutschland!
Sagte ich und bot ihr gleichzeitig das „Du“ an.
Ach ja, schau an! Meinte sie, ich habe ein Schwager der in der Schweiz lebt!
Ja, ich weiß, ihr Mann hat es mir erzählt, erwiderte ich.
Walter, sagte sie Sorgenvoll und nahm zärtlich meine Hand, du mußt sehr vorsichtig sein, als Fremder in unserer Region. Vor allem im dunkeln ist es hier sehr gefährlich. Heute Nacht ist der Bürgermeister von Terroristen erschossen worden.
Sie wusste nichts von meinem nächtlichen Ausflug. Ich hätte ihr erzählen können, dass ich fast daneben stand als er erschossen wurde. Stattdessen genoss ich ihre Sorge um mich und ihre zarten Hände. Sie ließ meine Hand nicht los und erzählte weiter:
Mein Mann und ein Bekannter nahmen den Jeep und bringen die Leiche des Bürgermeisters nach Huánuco zur Polizei.
Sie schaute mir tief in die Augen und sagte:
Wenn du willst kannst du mich ein Stück begleiten, ich gehe heute Morgen zu den Kühen Milch holen, es liegt auf dem Weg zum „Cerro Celmin“, das ist da wo du hin willst.
In ihren schwarzbraunen Augen sah ich das indianische Feuer brennen, ein gefährliches, heißes Verlangen nach Sex.
Und sie spürte wohl meine Erregung, meine leidenschaftliche Sucht nach Abenteuer und Erotik.
Oh ja Luana, sehr gerne!
Sagte ich und lächelte sie an.
Sie ließ meine Hand wieder los und meinte:
Dann wollen wir uns mal fertig machen, nahm das Geschirr und stellte es in den Waschtrog.
In 20 Minuten gehen wir los, rief sie mir zu und verschwand in der Küche.
Mein kleiner Rucksack war noch gepackt von gestern. Er ist meine kleine Lebensversicherung. Ich zog meine Stiefel an und war eigentlich schon fertig. Ich wartete im Hof auf Luana. Rudi, der geile Hahn, stolzierte um mich herum. Seine Hühner folgten ihm auf Schritt und Tritt und pickten Grünzeug vom Lehmboden. Rudi blieb vor mir stehen und sah mich an.
Sei du nur ruhig! Raunte ich ihm zu. Du und ich, wir haben etwas gemeinsam und wir wissen was wir wollen. Er drehte sich um und, äh äh ähh äähhhtsch.
Naaa, redest du wieder mit den Hühnern! Luana stand hinter mir und lachte. Ich drehte mich um und traute meinen Augen nicht. Ich war sogar etwas erschrocken. Ich sah ihre rote Bluse mit den offenen Knöpfen. Der Ansatz ihrer geilen Rundungen zogen meine Blicke magisch an. Sie hatte Jeans an, die ihre Figur betonte. Und  Wanderschuhe.
Ich sah ihr in die Augen.
Sie spürte meine angeregte Verwunderung.
Die Sachen hatte ich mir mal aus der Schweiz mitgebracht! Sagte sie verlegen.
Que bonita, que guapa eres tu! Sagte ich leise zu ihr.
(wie schön du bist)
Vámonos Gringo? Sagte sie.
Und ich:
Si vámonos guapa!
Die Sonne hatte schon sehr früh das Tal erwärmt und es sah aus, als gäbe es ein schöner, regenfreier Tag. Aber das Wetter in der Regenzeit ist unberechenbar.
Wir gingen durch das Dorf. Tantamayo hatte damals keine 300 Einwohner.
Es sah geisterhaft aus, wie verlassen. Vielleicht war es so, wegen den nächtlichen Aktivitäten der Terroristen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzten.
Das Haus des Bürgermeisters, ein trauriger Anblick.
Ich ging Luana hinterher. Sie trug einen blauen Rucksack mit einer kleinen Schweizer Flagge hinten drauf. Ein heimisches Gefühl kam in mir auf. Luana sah aus wie eine „Gringita“, eine Fremde.
Die zwei Plastikeimer, die sie dabei hatte, ihre schwarzen Haare, die sie jetzt offen trug, die tiefbraune Haut und ihr Gesicht verrieten ihre Herkunft.
Wir stiegen zum Rio Tantamayo hinunter und
mitten auf der Hängebrücke blieb sie stehen. Schau mal da, rief sie mir zu, die kleine Sandbank am Fluss. Ich brauche eine Abkühlung, hast du Lust?
Wir sahen uns in die Augen. Ich sah wieder dieses indianische Feuer, dieses verlangen nach tabulosem Fremdem. Dieser Morgengeilheit konnte ich nicht widerstehen.
Ja klar habe ich Lust! Rief ich ihr zu. Unsere Stimmen übertönte das Rauschen des Flusses.
Gut, vámonos! Rief sie.
Und so kletterte ich mit Luana die Felsen hinunter zur kleinen Sandbank.

Aber das ist schon wieder die nächste Geschichte

EXPEDITION YARO

Peru 1989
Teil 14

„GEFAHR IM NEBEL“

Es gibt gefährliche Situationen, in denen man große Angst hat. Angst um sein Leben, oder Angst, um etwas zu verlieren, was man liebt. Es gibt krankhafte Angst, die einem lähmt und es gibt die gesunde Angst, die, in der man vorsichtig wird und sehr aufmerksam auf die Dinge um sich herum.
Die Gefahr war mein ständiger Begleiter.
Ich hatte mich noch ein wenig mit dem kleinen Jungen unterhalten, der auf dem Felsen saß und in Piruro Nr.I seine Schafe hütete, bevor ich nach Tantamayo abstieg.
Er erzählte mir, dass er in
Coyllarbamba, einer kleinen Siedlung im Tantamayotal, zu Hause ist und dass er oft auch hier oben in den Ruinen bei seinen Schafen übernachtet. Auf die Frage, wie alt er ist, hat er mir seine zehn Finger entgegen gestreckt.
Ich hatte an die Kinder bei uns zu Hause denken müssen:
Morgens haben sie ein gesundes Frühstück, dann werden sie von der Mama in die Schule gefahren. Sie haben ein Pausenbrot dabei, oder sie werden in der Schule verköstigt. Nach dem Unterricht werden sie von der Mama abgeholt, bekommen ein gesundes Mittagessen. Dann Hausaufgaben und danach Spielen oder Fernsehen. Später gibt es noch ein Abendessen und in der Nacht ein gemütliches, warmes Bett.
Welch ein Kontrast, dachte ich.
Ich hatte, aus Interesse, in die Ruine geschaut. In einer Nische sah ich ein paar Decken aus der robusten Alpaka-Wolle. In der Nacht kann es hier oben, in knapp 4000 Meter Höhe, fürchterlich kalt werden. Nicht selten fällt die Temperatur auf diesen wolkennahen Felskämmen weit unter den Gefrierpunkt. Ich sah noch ein Kanister mit Wasser, zwei Kerzen und Streichhölzer und einen kleinen Stoffbeutel. Ich hatte ihn aus Neugier geöffnet, es waren Koka-Blätter. Schon im Kindesalter kauen die Indigenas Koka-Blätter, ihre Substanz unterdrückt Hunger und Kälte.
Und da der Junge lächelte und eigentlich glücklich aussah, wollte ich nicht länger darüber nachdenken, sonst hätte mich Wut und Traurigkeit überfallen.
Und wie heißt du? Fragte ich den kleinen Jungen weiter.
Gustavo! Sagte er und hat sich mit seiner kleinen Hand über den dreckigen Mund gewischt.
Gustavo, hast du die vier Männer gesehen? Fragte ich.
Ja, die haben heute Nacht hier geschlafen und die kommen auch wieder, die sind schon die ganze Woche hier! Sagte er und lächelte wieder.
Sind das Militär Soldaten?
Wollte ich von ihm wissen.
Nein, das ist kein Militär, die passen nur auf wenn jemand vorbeikommt! Erwiderte er.
Aahh, das ist Polizei? Fragte ich neugierig weiter und lächelte ihn an.
No es policía! Seine Stimme klang traurig.
Ich hörte auf zu lächeln und ich hörte auch auf zu fragen.
Ich hatte Gewißheit. Ich war auf ein Lager der Sendero Luminoso gestoßen. Piruro Nr.I hatten die Terroristen als Kontrollpunkt eingerichtet. Ganz schön raffiniert, dachte ich. Schon die Yarowilka hatten von hier aus alles unter Kontrolle und konnten weit in das Land schauen. Sie hatten ihre Städte in Sichtweite errichtet und konnten, wenn Gefahr drohte, ein akustisches oder sichtbares Signal geben.
Mich schauderte es und meine Gedanken überschlugen sich.
Schon kurz vor meiner Abreise zu Hause war mir ja klar, auf welches Abenteuer ich mich einließ. Ich war nicht nur auf einer „Reise in die Vorinkazeit“, ich war auch, wenn auch nicht ganz unfreiwillig, „Auf den Spuren des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfad“ unterwegs gewesen.
Dunkle Wolken zogen wieder aus dem Marañóntal herüber. Schnell verabschiedete ich mich von Gustavo, tätschelte seine Schulter.
Vaya con Dios Chico, machs gut kleiner. Er lächelte mir nach und ich stieg ab in Richtung Tantamayo.
Die Wolken zogen schnell herüber und verwandelten
Piruro Nr.II, die „Galerie des Todes“ in eine gespenstige Szenerie. In meiner Phantasie sah ich wieder die Mumien der verstorbenen Könige in den Nischen. Schnell ging ich vorbei. Die Sonne schaffte es immer wieder kurz durch eine Wolkenlücke zu blinzeln und malte mein Schatten in die helle Nebelwand. War es ein göttliches Zeichen? War es vielleicht „Jack“ mein Schutzengel?
Irgendwie hatte ich im Nebel einen anderen Weg
eingeschlagen, denn an Piruro Nr.III, dem verfallenen Wohnviertel der Yarowilka, kam ich nicht mehr vorbei. Plötzlich standen sie vor mir. Wie aus dem Nichts, kamen sie aus dem Nebel heraus und fletschten ihre Zähne. Es waren drei große Hunde. Ihr beigeweißes Fell zerschmolz mit der Farbe des Nebels. Ich konnte in ihnen keine wirkliche Rasse erkennen. Es waren keine Kampfhunde, es war irgendeine südamerikanische Plaza Mischung, sahen übel aus. Sie bellten lautstark und versuchten ihr Territorium zu behaupten. Ich war nicht ängstlich, aber ich war vorsichtig, meine Hundeliebe hatte ihre Grenze gefunden. Mein Glück war, sie griffen mich in der Gruppe immer von einer Seite an, sie hatten sich nicht verteilt. Ich nahm mein Rucksack in die Hand und bei jedem Angriff machte ich mich größer. Zum Glück hatte ich noch ein paar Steine gefunden und konnte mich so verteidigen.
Es dauerte eine ganze Weile bis ich an diesen Bestien vorbei war, dann ließen sie von mir ab und verschwanden im Nebel.
Wo war ich hingeraten? Auf welchem Weg war ich?
Fragte ich mich.
Ich stieg weiter bergab, das war immer die richtige Richtung.
Leichter Regen hatte den Nebel verdrängt und gab den Blick nach oben frei. Auf einer größeren Distanz konnte ich das verfallene Wohnviertel der Yarowilka erkennen. So war ich doch weit vom richtigen Weg abgekommen. Ich musste mich ein wenig rechts halten, um unten am Rio Tantamayo auf die Hängebrücke zu kommen.
Wie vom Blitz getroffen zuckte ich zusammen, mein Pulsschlag erhöhte sich abrupt, trotzdem ich bergab ging. Angst stieg in mir auf. Angst, dass ich gesehen werde. Es waren die vier bewaffneten Terroristen die, nicht weit weg von mir, auf dem richtigen Weg nach oben stiegen. Instinktiv duckte ich mich hinter einem nassen Strauch. Wasser tropfte von den Blättern auf meine Hand, aber es hörte auf zu regnen.
Plötzlich liebte ich den Nebel, der mich auf den falschen, aber dennoch richtigen Weg führte. Ich liebte diese wilde Bestien,
die mich eine Zeit lang beschäftigten. Wäre all das nicht gewesen, ich wäre den Terroristen direkt in die Arme gelaufen.
War es göttliche Vorsehung?
Ich dachte an meinen Konfirmationssppruch aus den 60er Jahren.
Psalm 23, Absatz 3 und 4 aus der Luther Bibel,
die Studienfassung:
3.) Meine Lebenskraft bringt er zurück, und er führt mich auf richtigen Pfaden, um seinem Namen gerecht zu werden.
4.) Auch wenn ich durch das Tal des Todesschattens gehe, fürchte ich keine Gefahr denn du, du bist bei mir. Deine Keule und dein Stab geben mir Zuversicht.
Aber noch mehr bewegte mich der Bibelspruch des „Buches Josua/Kapitel 1.9“,
das da heißt:
Sei mutig und entschlossen!
Lass dich nicht einschüchtern, und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.
So langsam wurde ich zum „Heiligen Cheo“, und meine heilige Schrift lautete aus dem Kapitel 1.1:
„Das schlimmste was mir passieren kann ist, dass ich nichts erlebe“.
Mit all diesen Gedanken stieg ich nach einer Weile hastig bergab, immer etwas rechts haltend und immer zurückschauend, ob mir jemand folgt.
Bergab geht es immer schneller, so ging ich nach gut einer Stunde über die Hängebrücke und nach weiteren 20 Minuten war ich wieder in Tantamayo. Als ich das Hoftor meiner Unterkunft öffnete, dämmerte es schon. Der Hahn stand vor mir und krähte, „äh äh ähh äähhhtsch“ und seine geilen Hühner stolzierten über den Lehmboden und pickten Grünzeug auf.
Oh Gott, wie liebte ich diesen bekannten, schrecklichen Klang, der mich am frühen Morgen aus meinem erotischen Albtraum holte. Es war ein Klang der Sicherheit, der Geborgenheit.
Nachdem ich mich am Waschplatz frisch gemacht hatte, brachte mir mein Gastgeber „Señor Ocaña“ das Abendessen, es gab Nudeln mit Fleisch bei Kerzenlicht. Señor Ocaña lächelte und fragte:
y como estuvo tu dia, que te parece?
(und wie war dein Tag, was denkst du?)
Ich erzählte ihm von der Galerie des Todes, von den vier bewaffneten Terroristen, von dem kleinen Gustavo und von dem Erlebnis mit den Hunden im Nebel. Und ich erzählte………
Das Abenteuer zog mich in seinen Bann. Ich wollte mehr wissen von dem geheimnisvollen, unbekannten Volk der Yarowilka und von dem kleinen Dorf in dem toten Winkel der peruanischen Ost-Anden.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte

EXPEDITION YARO

EXPEDITION YARO
Peru 1989
Teil 13

„GALERIE DES TODES“

In der Nacht hatte ich Albträume. Ich muss dazu sagen: „Es gibt schreckliche Albträume, in denen man Angst hat und Schweiß gebadet aufwacht und es gibt schöne Albträume, in denen man Angst hat, dass sie auf einmal zu Ende sind, weil man aufwacht. Diese Träume in der Nacht waren schrecklich schöne Albträume.
Rosa und Liza besuchten mich und fesselten mich nackt ans Bett. Ich spürte ihre Hände, Lippen und Zungen überall. Als Rosa auf meinem Becken saß und ich ihr Luststöhnen stocken hörte, wachte ich auf, weil draußen im Hof ein blöder Hahn krähte. Er musste ganz in der Nähe meiner Zimmertür gewesen sein. Es hörte sich schrecklich an, so wie „äh äh ähh äähhhtsch. Das schöne blieb zurück, eine Schlange in meinem Schlafsack, aber die war mir ja bekannt.
Der Morgen war jung und draußen wurde es langsam hell. Ich zog mich an, packte meinen kleinen Rucksack, mit allem, was ich zum Überleben in fremden Regionen benötigte, ging nach draußen und setzte mich auf den Stuhl der vor meinem Zimmer stand. Da sah ich ihn laufen, den Übeltäter, der mich aus dem nackten Traum geholt hat. Er war ein stolzer Hahn, dem ein paar geile Hühner folgten.
Mein Gastgeber kam gerade aus der Küche und brachte mir schwarzen Kaffee und, zu meiner Verwunderung, Fladenbrot und Marmelade. Alles was ein Europäer frühmorgens braucht. Lächelnd begrüßte er mich, stellte alles auf den Tisch und sagte:
Buen provecho Señor!
Wir kamen ein wenig ins Gespräch und während der Unterhaltung habe ich erfahren, dass sein Bruder in der Schweiz lebt, in Zürich. Er arbeitet als Koch im Hotel Schweizer Hof und ist mit einer Schweizerin verheiratet.
Es war vor zehn Jahren, erzählte er. Die Frau kam mit französischen Archäologen in unser Dorf und mein Bruder ging mit ihr in die Schweiz. Vor vier Jahren hatten sie uns mal besucht und ab und zu schicken sie uns ein wenig Geld. Und wie sagte mein Gastgeber noch:
Aprendí dos palabras en alemán: (zwei Wörter lernte ich in deutsch)
Fristick i Marrmlad (Frühstück und Marmelade) und er nickte mit dem Kopf.
Bueno, sagte ich und lächelte ihn an. Ich fragte ihn noch nach dem Weg nach Piruro. Er meinte:
Ja, da müssen sie erst runter in die Schlucht und dann etwa 800 Höhenmeter auf der anderen Seite nach oben. Drei, manchmal vier Stunden, der Weg ist gut.
Aber passen sie auf, es ist gefährlich, es gibt viele schlechte Menschen da!
Dem Zeitgefühl der Lateinamerikaner traute ich noch nie, aber nach meinen Berechnungen könnte es stimmen und, naja, schlechte oder unangenehme Menschen war ich gewohnt.
In meinem Leben und auf all meinen Reisen habe ich
gelernt mit den Gefahren, seien es objektive oder subjektive Gefahren, umzugehen.
(*Objektive Gefahren sind Gefahren, welche außerhalb des menschlichen Beherrschungsvermögens liegen

*Subjektive Gefahren sind Gefahren, welche aus dem Verhalten des Menschen entstehen.)
Und in meinem Leben habe ich mir angewöhnt, immer zuerst an das schlechte und schlimme zu denken, so bin ich mir immer sicher, dass alles besser werden kann.
Ich hatte zu Ende gefrühstückt und wollte gerade aufbrechen, da kam mein Gastgeber aus der Küche und reichte mir ein Fladenbrot mit Käse und Koka Tee für unterwegs. Eine Notration mit getrockneten Früchten und Müsliregel hatte ich ja immer dabei, aber das Fladenbrot mit Käse und Kokatee war eine willkommene Abwechslung. Er meinte noch:
Cuidado hombre! (pass auf,
Mann)
Si claro! Sagte ich, lächelte und stieg dann ab in die Schlucht zum Rio Tantamayo. Ich ging über die Hängebrücke auf die andere Seite und begann mit dem Aufstieg nach Piruro. Vorbei an ein paar Lehmhütten und an prachtvollen Pflanzen, die „Campanilla“ (Tropen Trompete) ist ein Strauch von mindestens 8 Meter Höhe. Die Blüten sind giftig. Das Gift wurde bei geheimnisvollen Ritualen benutzt, um Menschen in Trance zu versetzen. Feuerlilien und Orchideen. Blumen, die es bei uns nur als Zimmerpflanzen gibt.
Nach mehr als drei Stunden kam ich zu dem verfallenen Wohnviertel der Yarowilka. Es wird bezeichnet als „Piruro Nr.III“.
Piruro ist das einheimische Wort für den Spinnwirtel, eine kleine durchlöcherte Holz oder Tonscheibe. Damit der Faden nicht herrausfallen kann, wird sie auf das Ende einer Spindel gesteckt. Ein Argument also, dass in diesem Ort Wolle gesponnen oder gewebt wurde.
Ich stieg weiter bergauf. Wolken zogen aus dem Marañóntal herüber und verwandelten die unwirtliche Landschaft in ein difuses Licht. Es fing an zu regnen. Plötzlich brachen die Wolken auf und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich stand vor dem Heiligtum der Yarowilka. Ich hatte Piruro Nr.II erreicht.
Die Gebäude stehen im Halbkreis nebeneinander.
Einmalig für ganz Südamerika sind die Häuser, die auf fünf Stockwerke fast zehn Meter hochgezogen sind. Die Giebel der Bauwerke haben eine Ähnlichkeit mit den Maya-Pyramiden in Guatemala.
Trittsteine führen zu den seltsamen Nischen die 90cm hoch, 60cm breit und ein Meter tief sind.
Die Zahlen beweisen, dass hier in diesen Nischen einst zusammengeschrumpfte Mumien verstorbener Könige kauerten. Die Yarowilka haben sie regelrecht zur Schau gestellt. Diese Kenntnis ließ mich erschaudern. Ich stand mittendrin in einer „Galerie des Todes“.
Aber Grabräuber haben längst die geschmückten Leichenbündel gestohlen.
Ein weiterer Beweis liefert ein Ritzstein in der Mauer.
Er zeigt ein Spiralmotiv.
Das Spiralmotiv hat bei Naturvölkern rein kultische Bedeutung, es symbolisiert
die Rückkehr der Sonne, ewige Wiederkehr, Überwindung des Todes und neues Leben.
Französische Archäologen haben in dieser „Galerie des Todes“ ein Haus untersucht. Sie fanden Keramik und Reste organischer Stoffe aus der Zeit um 1000 v. Chr.
Der Französische Archäologe „Luis Girault“ kam bei anderen Gegenständen mit Hilfe der C14 Analyse (einer Radiocarbondatierung) auf ein Alter von 3900 bis 4100 Jahren. Aber leider konnten diese Zahlen durch weitere Materialanalysen nicht bestätigt werden.
Doch erwiesen ist:
Piruro steht auf uraltem Kulturboden.
Über eine Stunde hatte ich mich in der „Galerie des Todes“ aufgehalten und wollte gerade weiter hoch steigen bis Piruro Nr.I, als sich plötzlich von oben, noch hinter der versetzten Wehrmauer, vier Männer näherten. Sie waren militärisch gekleidet und mit Maschinengewehre schwer bewaffnet. Es war wohl eine Militärpatrouille oder Guerrilleros des Sendero Luminoso auf einem der „Wege des Terrors“. Ich hatte schon 1985 auf einer Reise durch Guatemala Erfahrungen mit den Militärs und mit Privatpatroullien im Guerilla Krieg gemacht, schlechte Erfahrungen.
Und da sie mich noch nicht gesehen hatten, überlegte ich kurz:
Sollte ich mich zu erkennen geben?
Nein. Ich hatte mich in einer der oberen Nischen versteckt. Ich kauerte in dem Loch wie eine damalige Königs-Mumie. Sie bemerkten mich nicht, aber ich konnte sie deutlich hören, sie sprachen ein Quechúa Dialekt. Militärs in Peru sprechen eigentlich Spanisch, so konnten es nur Terroristen sein, dachte ich. Als sie unter mir vorbei gingen, hörte ich mein Herz pochen bis zum Hals. Ich hatte bestimmt ein Pulsschlag von 160, ohne dass ich mich bewegte. Die Situation kann man mit drei Worten beschreiben:
„Ich hatte Angst“.
Angst, dass sie mich entdeckten. Dann wären mir zwei Optionen sicher gewesen: „Entführen und/oder gleich Erschießen“
Wer stirbt schon gerne in den Anden?
Ich dachte an die drei deutschen Studenten, die 1983 auf dem Inka Trail nach Machu Picchu ermordet wurden. Und ich dachte an diese alte Frau in Huánuco. Was sagte sie noch?
Hola Gringo, a donde viajes? vas a morir“! (Hallo Gringo, wohin reist du? du wirst sterben!)
Mein Aberglaube kam wieder in mir hoch. Sollte sie wirklich recht behalten?
Ich beruhigte mich, als ich die Terroristen nicht mehr hörte. Über eine halbe Stunde kauerte ich in dieser Nische. Ich hatte mein Fladenbrot und den Käse gegessen und den Koka Tee getrunken, den ich mir abgefüllt hatte. Eine Köstlichkeit in meinem kleinen Versteck.
Ich kam wieder, wie so oft, ins grübeln: Mit wie wenig doch man zufrieden sein kann, „ein kleiner Rucksack, paar Dinge zum Überleben, ein Fladenbrot, ein bisschen Käse und Kokatee auf einem spektakulären, alten Kulturboden mitten in den Anden. Demut.
Ich schaute um mich. Ich konnte niemand mehr sehen oder hören und so wagte ich es rauszukommen aus meiner Nische. Ich war wieder alleine, ganz alleine, mitten in der „Galerie des Todes“
Ich stieg dann weiter bergauf und erreichte auch bald Piruro Nr.I, es diente den Yarowilka für astronomische Zwecke oder es war ein Aussichtspunkt, um weit in die Landschaft hinaus zusehen. Die Feinde lauerten überall. Hier oben in fast 4000 Meter Höhe war ich nicht alleine. Ein kleiner Hirtenjunge saß auf einem Felsen, der seine Schafherde hütete.
Durch ein Loch in den Wolken konnte ich die Cordillera Huayhuash erkennen. Der Yerupája ist der zweit höchste Berg Perus und der Heilige Berg der Yarowilka. Das war mein nächstes Ziel, ein weiter, gefahrvoller Weg.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte.

EXPEDITION YARO

EXPEDITION YARO
Peru 1989
Teil 12

„WEGE DES TERRORS“

Ich saß im Regen, zwischen Kisten oben auf einem Lkw. Schräg unter mir lagen Einheimische Männer und Frauen auf Säcken und lächelten mich an. Ich war wie in Trance, hörte immer wieder Rosas rassige  Stimme rufen: „Bleib doch Gringo, du passt zu uns“!         
Eine alte Frau reichte mir eine Plastikplane, mit der ich mich abdeckte, um ein wenig trocken zu bleiben. Ich hatte Chuquibamba, die goldene Ebene verlassen. Ich hatte es geschafft, mich aus den Fängen der zwei Nymphen „Rosa und Liza“ zu befreien. Meine erotische Seele blieb bei ihnen zurück.
Drei Stunden waren es noch bis ins Herz der Yarowilka. Drei Stunden auf der schlammigen Piste bis nach Tantamayo, das einsame Dorf in den Ost-Anden. Ein paar Dutzend Häuser aus Lehm stehen an einem Südost Hang in 3500 Meter Höhe, weit ab jeglicher, touristischer Zivilisation. Hier war Talschluss. Von hier aus ging es nur noch zu Fuss, mit Pferd und Packesel auf Trampelpfaden Richtung Norden zu den einsamen Siedlungen Urpish, Jircan, Rapayan und Arancay, sowie über die Berge nach Osten, in die Urwaldregionen nach Monzon und weiter nach Tingo María. Heimliche Wege der Drogenkuriere und des Terrorregimes „Sendero Luminoso“, der die gesammte Gegend um Tantamayo zu dieser Zeit beherrschte. Ich benutzte diese „Wege des Terrors“ zu den noch unbekannten Geisterstätten der Yarowilka-Kultur in fast 4000 Meter Höhe.
Wegen einer Reifenpanne kam ich erst am späten Abend an und fand ein Platz zum schlafen in der einzigen Unterkunft des Dorfes. Es war ein einfaches Zimmer mit drei Betten aus Eisen und drei Stühlen, umfunktioniert zu Nachttischen und einem alten Tisch. Wie immer gab es kein Strom und das Wasser kam aus der Zisterne im Hof. Der Besitzer war sehr freundlich und brachte mir noch was zu essen, eine Quinoa-Suppe mit viel Gemüse, sehr köstlich im Schein meiner Kerzenlampe. Auf einem der Stühle entdeckte ich ein altes, abgegriffenes Gästebuch. Der letzte Eintrag war eineinhalb Jahre alt, er war von zwei französischen Archäologen geschrieben, die hier Forschungsarbeiten  an den Ruinen der Yarowilka durchführten. Sie schrieben, dass hier in der Gegend um Tantamayo über 80 archäologische Ausgrabungen geben würde. Somit ist hier am oberen Rio Marañón die archäologisch reichste Region nicht nur Perus, sondern ganz Südamerikas.  Es wurde immer interessanter für mich. Mit diesen Gedanken ging ich schlafen, denn ich wollte am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück auf einem Weg des Terrors aufsteigen nach Piruro, zum heiligsten Ort der Yarowilka.

Aber das ist wieder die nächste Geschichte.